Wer diese Frau interviewen möchte, muss sich schon Wochen vorher auf Diskussionen einstellen. Etwa mit der eigenen Mutter, die wissen will, ob Victoria wirklich die Krallen ihrer Hunde maniküren lasse. Mit Freunden, die fragen, ob man neuerdings für ein Klatschblatt schreibe. Mit Kollegen, die glauben, dass David Beckhams Gattin nur ihren Namen auf Produkte setzt, statt selbst zu entwerfen. Ja, wer diese Frau zum Gespräch treffen will, kämpft gegen Vorurteile und Häme, schickt ihrem Pressestab vorab Fragen zur Prüfung und soll schriftlich geloben, nur ja nichts Böses zu schreiben. Das war auch gar nicht geplant.
Victoria Beckham, Ex-Spice-Girl, Spielerfrau, vierfache Mutter und erfolgreiche Unternehmerin, hat sich Respekt verdient. Das weiß jeder, der eine Modenschau ihres 2008 gegründeten Labels besucht oder jemals eines ihrer präzise geschnittenen Kleider, eine ihrer wundervoll gearbeiteten Taschen oder coolen übergroßen Sonnenbrillen getragen hat.
Die Zeiten, in denen Beckham zur schlecht angezogensten Persönlichkeit der Welt gekürt wurde und Glitzerkrönchen auf die Potaschen ihrer knallengen Jeans sticken ließ, sind lange vorbei. Sie hat einen eleganten, fraulichen Stil für sich gefunden und vervielfältigt ihn zu hochwertigen Kollektionen. Das macht sie mithilfe eines Designteams - und zwar so gut, dass ihre Kleider, keines unter 1200 Euro, beim Internethändler Net-A-Porter Saison für Saison binnen Minuten ausverkauft sind. "Ihre Liebe für Mode geht weit über das Anziehen hinaus", sagt der amerikanische Modemacher Marc Jacobs. "Sie entwirft mit derselben Akribie, mit der sie auch sich selbst erschaffen hat."
Beckham, geborene Adams, wurde auch ohne eine Stimme wie Mariah Carey zum Popstar und gewann im vergangenen Jahr ohne gestalterische Ausbildung den British Fashion Award für die beste Designmarke. Das ist nur mit eisernem Willen und Fleiß möglich. Während der New Yorker Fashion Week sagte die gefürchtete Chefin der US-"Vogue", Anna Wintour: "Man darf sie nicht unterschätzen."
Der britische Automobilhersteller Land Rover hat Beckham, die seit Jahren Autos der Marke personalisieren lässt und privat fährt, dafür engagiert, dem Erfolgsmodell Evoque eine eigene Note zu verleihen. Nach 18 Monaten Zusammenarbeit wurde die Special Edition im vergangenen April in Peking vorgestellt: ein Kompakt-SUV mit manuell aufgetragener Mattlackierung in Grausilber, feinem Leder aus einer schottischen Manufaktur und roségoldenen Details an den Felgen, dem Kühler und im Innenraum - inspiriert von Beckhams gleichfarbiger Rolex Daytona. Die Uhr war ein Geschenk von David. So erzählt es Gerry McGovern, Design Director von Land Rover, auf der Pressekonferenz.
McGovern hat den Evoque entworfen und am Royal College of Art studiert. Er ist ein bisschen verstimmt, dass Beckham ihm die Schau stiehlt. Hunderte Journalisten aus der ganzen Welt warten auf die Engländerin, die dünn wie ein Bleistift in einem Pencil Dress auf Pfennigabsätzen durch die Menge stakst.
Ihr Kleid ist so eng, dass sie an den beiden Stufen zur Bühne scheitert. Zweiter Versuch. Die 38-Jährige schafft es, sich seitwärts auf die Bühne zu manövrieren. "Ich hätte besser an die Treppen denken sollen, als ich das Kleid heute morgen aussuchte", sagt sie ins Mikrofon und lacht entwaffnend. Das Publikum lacht mit. Beckham hat schon bei früheren Auftritten Humor bewiesen. Britischer Schalk, jedoch stets kontrolliert. Bei Fotoaufnahmen nimmt sie immer die gleiche gelernte Pose an und schaut streng in die Kamera. So findet sie sich hübsch.
Und sie hat gelernt, wie man sich schützt. Wie man plaudert, ohne etwas preiszugeben. Ihre Furcht, das Falsche zu sagen, muss groß sein. Selbst im sogenannten Einzelinterview weicht McGovern nicht von ihrer Seite. Oder ist es gar nicht ihre Furcht, sondern seine? Jede Antwort, die sie beginnt, führt er zu Ende. Frage: "Was halten Sie von dem Spitznamen Posh Evoque für diesen Wagen?" Beckham: "Ich finde ihn cool. Das kratzt mich nicht, ich bin stolz auf meine Vergangenheit." McGovern: "Wir mögen den Namen nicht."
Bei den Spice Girls nannte man Victoria wegen der vermögenden Familie Posh Spice, piekfein. Der Vater war ein zu Geld gekommener Elektriker. Da sie als Kind in seinem Rolls-Royce gern die nackten Füße in die weichen Teppiche steckte, hat sie den Evoque mit Fußmatten aus Mohairwolle ausgestattet. "Aber wenn mein Dad mich im Rolls zur Schule brachte, fand ich das peinlich", erzählt sie. "Wenn man klein ist, will man ja so sein wie alle anderen. Zum Glück fuhr Dad auch einen Van."
McGovern schweigt ausnahmsweise, dafür platzt die Nanny mit Beckhams neun Monate alter Tochter Harper ins Interview. Ihr Kleidchen wird bewundert, ihr Spängchen, das Kind quäkt froh auf Mamas Schoß. Die allgegenwärtigen PR-Damen juchzen. Kostbare Minuten, in denen das Gespräch sich Beckhams Mode zuwenden sollte, verstreichen. "Sie ist immer dabei", sagt Beckham, "und hat alle Shows in New York mit mir überstanden." Da ist es, das Stichwort. Wie kam sie überhaupt aufs Modemachen? "Ich wollte Sachen entwerfen, die ich anziehen kann. So war es immer schon. Diese Formel funktioniert", sagt Beckham.
Das stimmt, das Unternehmen und die Umsätze wachsen gut, auch durch ihre günstigere Zweitlinie. Aber hatte sie nicht in ihrer Autobiografie bekannt, einmal die meistgehasste Frau Englands gewesen zu sein? Jetzt juchzt die PR-Chefin nicht mehr. Abrupt beendet sie das Interview. Das Buch hat sie nicht gelesen. Die Frage war nicht autorisiert. Beckham ruft hinterher: "Ich arbeite hart. Ich denke positiv. Ich liebe meinen Job." Dann steht man vor der Tür und hat nicht einmal erfahren, ob sie die Krallen ihrer Hunde maniküren lässt.
| Posh Style |
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| Victoria Beckham |
| www.victoriabeckham.com |
| Range Rover |
| Der "Evoque Special Edition with Victoria Beckham" ist auf 200 Stück limitiert und ab Oktober erhältlich, 103.995 Euro, www.landrover.com |