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Merken   Drucken   18.08.2012, 13:05 Schriftgröße: AAA

Wirtschaftsbuch: Ein Volk von Gestörten

"Immer mehr" ist das Credo des Kapitalismus, getriggert von frühkindlichen Verletzungen. Sie treiben die Gesellschaft voran - leider in den Kollaps. Hans-Joachim Maaz entwirft ein bedrückendes Psychogramm unserer "narzisstischen Gesellschaft".
von Michael Prellberg

Denn Herr Rossi sucht das Glück ... sucht man es, so fehlt ein Stück, ja, es fehlt ein Stück vom Glück", heißt es im Titellied der italienischen Zeichentrickserie aus den 70ern. Herr Rossi hat wenig, aber wenn er etwas bekommt, weiß er es nicht zu schätzen. Und verliert prompt wieder alles.

Das Buch "Die narzistische Gesellschaft" von Hans-Joachim ...   Das Buch "Die narzistische Gesellschaft" von Hans-Joachim Maaz

Weil genug eben nie genügt. Es muss mehr sein, immer mehr. "Kompensation", diagnostiziert Hans-Joachim Maaz, nachholender Ausgleich für mangelnde Mutterliebe in früher Kindheit. Wo sich ein gesundes Selbstwertgefühl nie selbstverständlich hat entwickeln können, muss es im Nachhinein konstruiert werden: "Ich bin (doch) liebenswert, weil ...", und dann geht es weiter mit "... ich reich bin, wie diese Dinge beweisen", "... ich mächtig bin, wie diese Statussymbole belegen", "... ich so schlank und schön bin" oder "... ich so durchtrainiert und attraktiv bin".

Kollektive Schuldengesellschaft

Alles narzisstische Störungen, schreibt Psychoanalytiker Maaz, alles Kompensation. Die allerdings die Welt prägen, in der wir leben. Wo die Räder des Kapitalismus schnell und schneller rollen, um den Bedarf nach mehr, nach Status zu befriedigen.

"Mode, Kosmetik und Diäten sind ein Milliardengeschäft mit der narzisstischen Not der Frauen." Doch grundsätzliche Bestätigung könne nur geschenkt, nicht erworben werden, sagt Maaz. "So wird am Ende verbraucht, was keiner braucht, um auf keinen Fall zu finden, was wirklich gebraucht wird."

Selbst wenn man sich dafür in Schulden stürzen muss. Maaz diagnostiziert eine kollektive Schuldengesellschaft, "bei welcher der Staat der Drogenproduzent, die Banken die Dealer, die Wirtschaft das Drogenkartell und die Bürger die Abhängigen sind".

Narzisstisch gestört sind wir alle

Wirtschaftliches streift Maaz im Buch "Die narzisstische Gesellschaft" eher am Rande (und oft polemisch). Ihn interessiert, wie narzisstische Störungen die Betroffenen selbst und ihren Umgang zu ihren Partnern, ihren Kindern und Eltern belasten. Und narzisstisch gestört, so sieht es Maaz, sind wir alle. Die einen mehr, die anderen weniger.

Tatsächlich ist es unausweichlich, sich selbst, Freunde und auch die eigenen Eltern in einigen der von Maaz ausführlich dargestellten Verhaltens- und Reaktionsmustern wiederzuerkennen. Nun ja: Nobody's perfect.

Und wer einen Hammer hat, sieht überall Nägel. Maaz' Hammer sind die narzisstischen Störungen, und so wird alles und jedes darauf zurückgeführt. Das wirkt auch, mit Verlaub, gestört.

Am Ende geht alles verloren

Gleichwohl erlaubt dieses Herangehen einen frischen Blick auf die Welt, in der wir leben. Warum gewisse Frauen immer noch ein paar Schuhe brauchen (die sie doch nicht tragen), Manager ihre Tiefgaragen mit noch einem Oldtimer mehr vollstellen, alternde Männer mit einer wesentlich jüngeren Armdeko auftauchen und manche Frauen jede neue Diät ausprobieren. Narzisstische Störungen, auf den Punkt gebracht, halten den Kapitalismus am Laufen.

Bis der sich totläuft vor lauter Gier nach dem Mehr. Weil ja "die Suche nach dem verlorenen Glück" keinen Erfolg haben kann. Düstere Aussichten.

Bleibt die entscheidende Frage an den Experten: Dr. Dr. Maaz, wie kommen wir raus aus der Nummer? Keine Chance, orakelt der: Wenn das System kollabiert, werden wieder Waffen klirren. Wie bei Signore Rossi: Weil immer ein Stück fehlt zum Glück, geht alles verloren.


Hans-Joachim Maaz: Die narzisstische Gesellschaft, C. H. Beck, 236 S., 17,95 Euro
  • FTD.de, 18.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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