So langsam muss jetzt mal der 1. Mai vorbereitet werden. Wenn Kreuzberger und Friedrichshainer in wenigen Tagen ihren höchsten Feiertag im rituellen Berliner Straßenkampf begehen, müssen der Molli gerührt, die Bierflaschen kalt gestellt und die Stimme geölt sein - für die lautstarke Beschimpfung von Autobesitzern, McDonalds-Gästen und anderen kapitalistischen Schweinen.
Am Wochenende stimmte sich die Fraktion der Tierfreunde unter den Aktivisten schon mal ein. Schon an normalen Samstagen versammeln sich zur besten Einkaufszeit regelmäßig Protestler auf der Friedrichstraße neben der Escada-Filiale: Der Modehersteller sei verantwortlich für Leiden und Sterben von puscheligen Pelztieren, klagen sie.
Dass possierlichen Nagern das Fell über die Ohren gezogen wird, macht traurig. Ebenfalls traurig stimmt allerdings die Auswahl des Protestziels: Ausgerechnet Escada! Wann hatte das dahindümpelnde Modehaus zuletzt Pelz in der Kollektion? Und wer wüsste davon überhaupt? Die Filiale ist praktisch frei von Publikumsverkehr. Auf der heutigen Hauptversammlung wird sich der Konzern wegen der siechen Geschäfte den bohrenden Fragen seiner Aktionäre stellen müssen. Was zu Frage drei führt: Warum ist ausgerechnet die taumelnde deutsche Modemarke Zielscheibe der Tierfreunde?
Schräg gegenüber logiert Gucci, die haben sicher viel Pelz auf der Stange - und verdienen auch noch Geld. Wenn man schon jemandem das Geschäft versaut, warum nicht den Italienern? So viel Patriotismus darf man in der Krise doch wohl erwarten. Auch von Tierfreunden.