Die Europäische Union feiert einen runden Geburtstag: Vor 50 Jahren wurde in Rom der Grundstein für die Europäische Union in ihrer derzeitigen Form gelegt. Eine FTD-Serie über die europäische Integration.
50 Jahre Römische Verträge:Pressestimmen: Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft
Rom 1957: Viele Tageszeitungs-Kommentatoren begrüßen die Verträge, das "Neue Deutschland" vermutet jedoch US-Imperialismus.
The New York Times, New York, 26. März 1957
Die Unterzeichnung der Verträge ist ein Schritt hin zur Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa. Dahinter steht der immer größer werdende Wunsch nach einer Vereinigung als einzigem Mittel, den Kontinent wieder in eine Machtposition zu bringen, die es ihm erlaubt, in Freiheit zu überleben.
Die Bedeutung dieser beiden Gemeinschaften geht weit über den wirtschaftlichen Aspekt hinaus. Denn wie die erfolgreiche Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl werden auch sie von supranationalen Behörden geleitet, die den Beginn einer europäischen Bundesregierung darstellen. Ihre Existenz macht den Vorstoß hin zu einer politischen Vereinigung im Grunde unvermeidlich.
Nach ihrer Gründung dürften die Gemeinschaften nicht nur zu einem mächtigen Faktor an sich werden, sondern auch zu einem starken Magneten für die unterjochten Nationen Osteuropas.
Die Unterzeichnung der beiden Verträge zur Gründung der Euratom und des Gemeinsamen Markts in Rom heute wird, um es mit den Worten Churchills auszudrücken, erst das Ende vom Anfang sein. Es gibt noch sehr viel zu tun, bevor sich der Plan zur Eliminierung innereuropäischer Zölle und Handelshemmnisse auf den Handel auswirkt. Was die Euratom anbelangt, so ist es bisher ein Anfang - auch was die Physik betrifft. Im Augenblick gibt es in den sechs Ländern keine Atomenergie, die auch nur annähernd mit der der USA oder Großbritanniens vergleichbar wäre.
Frankfurter Allgemeine, Frankfurt, 26. März 1957
160 Millionen Menschen sollen sich zu diesem einheitlichen Markt als Produzenten, Verbraucher und Wissenschaftler künftig zusammenschließen. Es ist ein großartiger Entschluss. Und es wird, wenn es gelungen sein wird, eine großartige Leistung sein. Die Kräfte, die es wahrmachen und die es verhindern wollen, werden aber noch lange und hart kämpfen. Wenn man das feststellt, verringert man die bisherige Leistung der Europafreunde nicht. Man spricht nur aus, was man gerade jetzt aussprechen muss: In dieser Sache darf man keinen Augenblick müde oder nachlässig werden.
Le Monde, Paris, 26. März 1957
Wie diese Texte umgesetzt werden, ist offen. Die französische Wirtschaft handelt derzeit den europäischen Plänen zuwider. In dem Augenblick etwa, als (Außenminister Christian) Pineau den Vertrag unterzeichnete, verstärkte (Finanzminister Paul) Ramadier seinen Kampf gegen Importe. Das wirft ein schlechtes Licht auf den Start Europas! Werden wir bis zum 1. Januar 1958, dem voraussichtlichen Startdatum des Vertrages, Wege finden, diese Widersprüche zu beseitigen?
Corriere de la Sera, Mailand, 26. März 1957
Der unterschiedliche Grad an wirtschaftlicher Reife darf nicht abschrecken. Man darf nicht fürchten, dass die Öffnung der Grenzen die armen Länder ärmer und die reichen Länder reicher machen wird. Volkseinkommen entsteht, wenn Kapital und Menschenkraft zusammenwirken. Unser Land ist zwar arm an Geld, allerdings reich an Arbeitskraft. Falls es der Gemeinsame Markt erlaubt, beides elastischer zu verknüpfen, wird unser Land einen Vorteil daraus ziehen. In der Gesamtschau, sofern wir nicht das Pferd von hinten aufzäumen, also nicht den Gewinn verlangen, bevor wir ihn erwirtschaftet haben, wird der gemeinsame Markt mit einem klaren Plus abschließen.
Neues Deutschland, Berlin, 24. März 1957
Wenn auch die Märzsonne in Rom wärmer brennt als hierzulande, die Früchte des westeuropäischen Zollpaktes werden nicht reifen.
Die Völker Europas werden sich durch Phrasen vom "Gemeinsamen Markt" und "europäischer Wirtschaftseinheit" nicht täuschen lassen. Sie entsinnen sich, dass schon Lenin die Parole der "Vereinigten Staaten von Europa" als Heuchelei der Monopolherren entlarvte. Sie wissen, dass heute hinter der Parole vom "europäischen Zusammenschluss" die Weltherrschaftsgelüste des USA-Imperialismus verdeckt werden sollen. Der Anschlag der Monopole wird das Gegenteil bewirken: Noch energischer und machtvoller werden die Völker Europas für gesamteuropäische wirtschaftliche Zusammenarbeit und für einen gesamteuropäischen kollektiven Sicherheitspakt kämpfen.
Deutschlands Leitartikler zeigen sich verwundert über Merkels schroffe Art bei Röttgens Zwei-Minuten-Rausschmiss, erkennen dafür aber gute Gründe. Einer sieht die alte Merkel zurückkehren.
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