Große Presse in Hannover: Gerhard Schröder und seine Frau Doris Schröder-Köpf bei ihrer Stimmenabgabe
Damit, dass die CDU schlechter als 2002 abschneidet, hatten aber selbst hartgesottene SPD-Anhänger nicht gerechnet. Dennoch dauerte es am Sonntagnachmittag nicht lange, bis Schröder und Franz Müntefering die Gelegenheit beim Schopfe packten. Eigentlicher Verlierer, so ihre Analyse, ist die CDU und nicht die längst totgesagte SPD. "Verglichen mit dem, woher wir kamen, bin ich wirklich stolz auf meine Partei", sagte ein kämpferischer Kanzler am Abend.
Die Tatsache, dass die Union in allen Hochrechnungen stärkste Kraft war, irritierte die SPD zunächst zumindest offiziell nicht. Erst einmal abwarten, was sich bei der CDU und der FDP tut und wer sich wie verhält, war die Abmachung im engsten Kreis. Schon am frühen Nachmittag hatte Schröder einige Minister und den nordrhein-westfälischen Ex-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück im Kanzleramt versammelt. Ab 16.30 Uhr saßen Schröder und seine Frau Doris gemeinsam mit den Ministern Wolfgang Clement, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Manfred Stolpe und Peter Struck sowie den Länderchefs Klaus Wowereit und Matthias Platzeck im Büro von Münteferings zusammen. Dort wurde auch die Variante erdacht, CDU und CSU als zwei getrennte Parteien zu betrachten und damit die SPD zur stärksten Partei zu erklären.
"Die FDP ist käuflich"
Mit den Verhandlungen der Parteien wird ad hoc Müntefering beauftragt, von Fraktionen redet die SPD an diesem Abend offiziell nicht mehr. Mal schauen, so die Devise, wer zuerst die Nerven verliert. "Schröder ist nun mal ein Zocker", sagt der Mitarbeiter eines Ministers. Zunächst einmal müsse man abwarten, ob sich Merkel in der CDU überhaupt an der Macht halte. Nicht umsonst streuen Sozialdemokraten schon mal das Gerücht, Merkel werde noch am Abend zurücktreten.
Die wenn auch kleine Chance für eine Ampel oder eine große Koalition unter Schröders Führung will man sich zumindest offen halten. "Wir dürfen jetzt keine Option zu früh vergraben", sagt Steinbrück. Die Ampel mit Grünen und FDP erfreut sich zumindest im Foyer des Willy-Brandt-Hauses einiger Beliebtheit. Immer wenn eine Fernsehsender per Grafik darstellt, wie eine Ampel-Mehrheit aussehen könnte, gibt es Beifall. "Hans-Dietrich Genscher hat auch mit Helmut Schmidt zusammengearbeitet", sagt der Kanzler-Freund und Maler Bruno Bruni, "die FDP ist käuflich."
Groß ist daher der Beifall, als Franz Müntefering auf die Bühne kommt und erklärt, Gerhard Schröder müsse Kanzler bleiben. Der selbst lässt sich noch fast eine Stunde länger Zeit, bevor er sich von seinen Anhängern feiern lässt. "Ich fühle mich bestätigt, unser Land weiter unter meiner Führung zu gestalten."
Allerdings hat die engste Parteiführung auch über andere Optionen gesprochen, also eine große Koalition unter Führung von Merkel oder eines anderen Unionspolitikers. Schröder, der noch in den vergangenen Tagen selbst ganz leise Zweifel geäußert hatte an der Chance für eine neue Amtszeit, ist zumindest für einige Wochen noch Kanzler. So kann er zumindest dafür sorgen, dass die SPD einer geschwächten Union einen hohen Preis bei Koalitionsverhandlungen abverlangen kann. Schröder hört sich so an, als ginge der Wahlkampf einfach noch etwas weiter.
Die SPD, so sieht es Struck, hat gegen geballte Meinungsmacht die Menschen überzeugt und ihre Rolle in der Gesellschaft verteidigt. "Den neoliberalen Durchmarsch hat es nicht gegeben", freut sich SPD-Urgestein Erhard Eppler.