Amartya Sen lehrt Volkswirtschaft und Philosophie an der Harvard University. Er erhielt 1998 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
Vor genau 90 Jahren äußerte sich Lenin inmitten einer Wirtschaftskrise zur Notlage, in der der Kapitalismus jener Zeit steckte. Für einen Nachruf auf das System war es aus seiner Sicht damals aber zu früh: "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass es für den Kapitalismus keinen Ausweg aus der derzeitigen Krise gibt." Anders als mit anderen Einschätzungen lag Lenin mit dieser richtig. Auf den Märkten in Amerika und Europa wuchsen in den 20er-Jahren zwar die Probleme, und in den 30er-Jahren folgte die Weltwirtschaftskrise. Aber seit Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich die Marktwirtschaft außergewöhnlich dynamisch und hat in den vergangenen 60 Jahren zu einem nie da gewesenen Wachstum geführt.
Damit ist Schluss, zumindest für den Augenblick. Die weltweite Krise begann im vergangenen Herbst schlagartig in den USA und gewinnt seither beunruhigend an Tempo. Obwohl die Regierungen Steuergeld in beispielloser Höhe zur Verfügung gestellt haben, haben bis heute alle Bemühungen kaum gefruchtet, die Krise aufzuhalten.
Nun stellt sich weniger die Frage nach dem Ende des Kapitalismus als nach seinem Wesen und der Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels. Egal wie unüberwindbar die Krise momentan erscheinen mag: Irgendwann wird sie vorübergehen.
Kein System ist nur kapitalistisch
Bleiben werden die Fragen zum Wesen künftiger Wirtschaftssysteme. Brauchen wir wirklich einen neuen Kapitalismus, der die Fahne der Kapitalisten hochhält? Oder nicht eher ein weniger starres Wirtschaftssystem, das auf einer Vielzahl pragmatisch gewählter, vernünftig begründeter Institutionen und Werte fußt? Sollten wir nach einem neuen Kapitalismus suchen oder nach einer "neuen Welt", die nicht unbedingt kapitalistisch organisiert ist?
Vor dieser Frage stehen nicht nur wir heute. Ich glaube, dass auch Adam Smith, der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften, letztlich genau diese Frage stellte, als er im 18. Jahrhundert seine bahnbrechende Analyse über das Funktionieren der Marktwirtschaft präsentierte.
Soviel ich weiß, hat Smith den Begriff "Kapitalismus" nie benutzt. Sein Werk gibt auch nur schwerlich eine Theorie über die Hinlänglichkeit der Marktwirtschaft her oder darüber, dass man die Dominanz des Kapitals hinnehmen muss. In "Der Wohlstand der Nationen" sprach er über die wichtige Rolle, die allgemeine Werte bei der Wahl des Verhaltens spielen, sowie über die Bedeutung von Institutionen. Aber es war sein erstes Buch, die vor 250 Jahren veröffentlichte "Theorie der ethischen Gefühle", in dem Smith ausführlich untersuchte, welch mächtige Rolle die nicht profitorientierten Werte spielen. Von allen Tugenden sei es die Besonnenheit, die dem Einzelnen am nützlichsten sei, schrieb Smith. Weiter hieß es dort, Menschlichkeit, Großzügigkeit, Gerechtigkeit und Gemeinsinn seien die Tugenden, die am nützlichsten für die Allgemeinheit seien.