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  FTD-Serie: Systemfrage

Der von allen Fesseln befreite Markt hat sich ausgetobt - und Trümmer hinterlassen. Als Aufräumkommando greift der Staat ein. Aber wie geht es danach weiter? Zieht sich der Staat zurück, oder übernimmt er die Vormundschaft über den Markt? Und welche Folgen hat das? Die FTD stellt die Systemfrage.

Merken   Drucken   29.03.2009, 17:04 Schriftgröße: AAA

Die Systemfrage - Gastkommentar: Wendelin Wiedeking - Schluss mit dem Götzendienst  

Wir erleben derzeit eine fundamentale Sinnkrise, die das Ende des Finanzkapitalismus markiert. Statt an kurzfristigen Kennzahlen müssen sich Unternehmen an Kunden, Mitarbeitern und der Gesellschaft orientieren. von Wendelin Wiedeking
Wendelin Wiedeking ist Vorstandsvorsitzender der Porsche AG.
Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte: Genau 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus werden die damals gescheiterten Rezepte wieder aus der Schublade geholt. Der deutsche Bundestag beschließt ein Gesetz, mit dem Aktionäre enteignet werden können. In Großbritannien und Irland werden Banken komplett verstaatlicht, und ausgerechnet im Zentrum des weltweiten Kapitalismus, der New Yorker Wall Street, beteiligt sich der Staat als wichtigster Aktionär an der einst weltgrößten Bank. Es scheint, als würde wahr, was unbeirrbare Linke schon immer erträumten, aber kaum noch zu hoffen wagten.
Der Staat, noch vor Kurzem nur geschmäht und gescholten, muss plötzlich überall in der Wirtschaft einspringen. Mit bislang unvorstellbaren Milliardenbeträgen für Konjunkturprogramme, Kreditgarantien, Bankenbeteiligungen und Industriehilfen markiert er eine geradezu epochale Wende. Nach der extremen Liberalisierung, die den Staat völlig zurückdrängen wollte, droht nun eine weitgehend staatlich gelenkte Wirtschaft. Ist also die Sorge berechtigt, in Deutschland werde sogar der grundgesetzlich garantierte Schutz des Eigentums torpediert und damit das Vertrauen insbesondere ausländischer Investoren zerstört?
Der Anschein ist nicht zu bestreiten, doch eine seriöse Antwort bedarf einer differenzierteren Analyse jenseits der populären Schlagworte. Wirtschaft und Unternehmen befinden sich zweifellos in einer extrem kritischen Situation. Deshalb geht es im Moment nicht um Prinzipientreue, sondern um die Rettung vor dem Schlimmsten. Ungewöhnliche Situationen erfordern auch jetzt ungewöhnliche Maßnahmen.
Wer vor den Folgen der Rettungsaktionen warnt, muss sich auch klarmachen: In allen zur Debatte stehenden Fällen verleibt sich der Staat nicht rigoros privates Vermögen ein. Er übernimmt nur, was ohne seine Geldspritzen ganz offensichtlich längst wertlos wäre. Wie realistisch das auch im Ausland gesehen wird, zeigt die Tatsache, dass just zum gleichen Zeitpunkt, als das sogenannte Enteignungsgesetz vom Bundestag beschlossen wurde, Abu Dhabi knapp 2 Mrd. Euro investierte, um größter Aktionär des Autokonzerns Daimler zu werden.

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