Langsam kehrt Ruhe ein. Nicht dass nicht noch eine Welle weiterer Katastrophenmeldungen aus den Unternehmen über den Globus rollen wird. In den USA beginnen die Konzerne gerade erst, über den Verlauf des ersten Quartals zu berichten. Und was der Aluminiumproduzent Alcoa - traditionell einer der Ersten, die aus der Deckung kommen - am späten Dienstagabend vermeldete, liest sich ziemlich düster: Um 36 Prozent brach der Umsatz ein. So wird es weitergehen. Und es wird bitter werden, für Beschäftigte wie Investoren.
Angesichts dieser Zahlen von Stabilisierung zu sprechen mag vermessen klingen. Dennoch schält sich nach all den Feuerwehreinsätzen der vergangenen Monate langsam eine Art ordnungspolitischer Kompass heraus. Zwar hat sich die Welt nicht auf ein Wirtschaftssystem mit einem Dutzend klarer Regeln und einem plumpen Etikett geeinigt, das den ganzen Globus umspannt. Das ist auch nicht erstrebenswert, denn es muss weiter einen Wettstreit der Ideen geben. Wohl aber haben die wesentlichen politischen Akteure Ziele definiert und sich auf Grenzen geeinigt, die nicht überschritten werden dürfen.
Das Ergebnis sieht im Wesentlichen so aus: Das Prinzip der freien Märkte ist nicht tot, der Kapitalismus ist noch immer das beste System, das wir haben. Die Krise hat aber Fehler im System offenbart, die beherzt beseitigt werden müssen.
Diese Schlussfolgerung ist nicht trivial: In den Monaten nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers wurden nicht wenige Totengesänge auf den Kapitalismus und den Grundsatz freier Märkte angestimmt. Auch in Deutschland priesen Spitzenpolitiker wie Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) oder Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) plötzlich die Vorteile des Marxismus. Und in den USA war einige Tage lang unklar, wie stark der neue Präsident Barack Obama mit einer "Buy American"-Politik den größten Markt der Welt abschotten würde.
Wenn Trichet revolutionär eindeutig wird
Auch die Financial Times Deutschland beteiligte sich in den vergangenen Wochen mit der Debattenreihe "Die Systemfrage" an der Diskussion und bat Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kirche um Reformvorschläge.
Einen Beleg für das Ausmaß der Orientierungslosigkeit und die Bedeutung der erhitzten Diskussionen der vergangenen Monate liefert Mirek Topolanek, zu dem Zeitpunkt noch Ministerpräsident der Tschechischen Republik und amtierender EU-Ratsvorsitzender, in seinem FTD-Kommentar Mitte März: Jean-Claude Trichet habe ihn "darüber unterrichtet, dass derzeit keine Wirtschaftstheorie und kein Modell geeignet ist, die künftige Entwicklung vorherzusagen". Für den Präsidenten der Europäischen Zentralbank ist das eine geradezu revolutionär eindeutige Aussage.