Thomas Enders wird dieses Jahr nicht vergessen. Der Chef von Europas größten Luftfahrtkonzern EADS hätte den Konkurrenten Boeing durch eine Fusion mit BAE Systems übertrumpfen können. Der 53-jährige wäre Chef vom weltgrößten Luftfahrt- und Rüstungskonzern geworden. Doch vor allem die Berliner Regierung verhinderte im Oktober das Vorhaben - aus Sorge vor dem eigenen Machtverlust. Jetzt investiert der deutsche Staat Milliarden Steuergelder: Er steigt als Großaktionär bei EADS ein und sitzt künftig im Verwaltungsrat. Trotzdem verkündete Enders: "Heute ist ein guter Tag für EADS ."
Für den EADS-Chef und seine Mitstreiter ist es schon ein Triumph, dass der alte Aktionärspakt aus dem Gründungsjahr 2000 mit seinen Veto- und Eingriffsrechten abgeschafft wird. Damals bestand noch die Illusion, dass der Stuttgarter Autohersteller Daimler und das Pariser Medienunternehmen Lagardère die Antriebsfedern für eine breite Privatisierung der EADS werden. Doch Lagardere und Daimler zogen sich zurück. Heute wollen sie eigentlich nichts mehr von dem Konzern wissen, der zwei Drittel seines Umsatzes mit Airbus-Fliegern erzielt. Rückzug auf das Kerngeschäft, lautet dazu die Erklärungsformel. Im Gegenzug baute der französische Staat über Jahre seinen Einfluss aus, was die Berliner Regierung mit Staunen beobachtete.
Weil Daimler unbedingt bis Jahresende EADS-Anteile verkaufen wollte - auch um seine Bilanz aufzupolieren - bestand Handlungsdruck. Doch der derzeitige Unternehmensvertrag des Luftfahrtkonzerns gleicht einem Käfig aus Sonderrechten, Vetomöglichkeiten und der Wahrung französischer Staatsinteressen. Dieser Hemmschuh einer marktwirtschaftlichen Entwicklung wird jetzt weitgehend abgeschafft. Künftig halten Deutschland und Frankreich je zwölf Prozent am EADS-Kapital, Spanien bekommt vier Prozent. Niemand bekommt Vetorechte und kein Aktionär oder eine Aktionärsgruppe mehr als 15 Prozent Stimmrecht. Der Anteil der freien Aktionäre soll von 49 auf über 70 Prozent klettern. Daimler, Lagardère machen Kasse. Großbanken, die Anteile in einer Zwischenholding parkten, machen ebenso Kasse. EADS investiert sogar selbst Milliarden und kauft Aktien zurück - unter anderem von Lagardère.
Die ganze Transaktion gleicht einem Neustart von EADS. Künftig sitzen Vertreter von Deutschland und Frankreich mit im Verwaltungsrat. Zwar sind sie in den Stimmrechten gezähmt - aber keinesfalls machtlos. Es wird spannend, sollte Enders eines Tages dem Verwaltungsrat vorschlagen, dass eventuell Aktivitäten in Deutschland zurückgefahren werden, weil es von dort keine Aufträge gibt oder die Förderung aus Frankreich höher ist. Deutschland bekommt also auch mehr Verantwortung und muss sich erklären. Die Augenhöhe mit Frankreich, die von Deutschland jetzt erkauft wird, erfordert auch eine aktive Industriepolitik.
Am Rande ebnet die EADS-Neuordnung auch den Weg zu einem Umbau der französischen Rüstungsindustrie. In einem kleinen Absatz am Ende der Mitteilungen heißt es, dass die EADS ihr Stimmrecht von 46 Prozent beim französischen Luftfahrt- und Rüstungskonzern Dassault künftig mit der Regierung in Paris abstimmen wird. Offensichtlich ein Zugeständnis. Zudem bekommt die französische Regierung auf den milliardenschweren EADS-Anteil an Dassault ein Vorkaufsrecht. Die Pariser Regierung kann sich mit dem Hersteller des französischen Kampfflugzeugs Rafale nunmehr neue Machtstrukturen ausdenken. Auch ein Neustart.