Ashoka Mody ist Assistant Director in der Europaabteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF).
Noch im Januar 2008 wurde Deutschland ein Wachstum von zwei Prozent für 2009 prognostiziert. Ein Jahr später sieht es düster aus, der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet, dass die deutsche Wirtschaft um rund zweieinhalb Prozent schrumpft. In nur einem Jahr wurden also die Aussichten für das deutsche Wachstum um viereinhalb Prozentpunkte revidiert. Mehr als die Hälfte der Korrektur wurde seit dem vergangenen September vorgenommen, als die Auguren ihren Prognosewettlauf nach unten starteten. Für uns, die wir in diesem Geschäft tätig sind, ist das eine demütigende Erfahrung.
Steckt eine Lehre in dieser Demütigung? Und was verrät sie uns über die Dynamik des globalen Wachstums?
Die Ironie für viele besteht darin, dass Deutschland nicht mit den Exzessen in Verbindung gebracht wird, die andere Wirtschaftsräume geprägt haben. Es gab hier keinen Immobilienboom, die Verschuldung von Haushalten und Unternehmen ist relativ gering, und Banken hielten Eigenkapital oberhalb der gesetzlichen Mindestgrenzen. Trotzdem erlebt die deutsche Wirtschaft einen mindestens so schweren Schock wie die Länder, die sich aus heutiger Sicht nicht nachhaltigen Exzessen hingegeben haben.
Der konservative deutsche Verbraucher hätte die Wirtschaft vor solcher Volatilität bewahren sollen. Aber die Zurückhaltung der Verbraucher im Inland bedeutete natürlich zugleich, dass die Wachstumsmöglichkeiten außerhalb des eigenen Landes lagen. Und einige deutsche Banken konnten dem schnellen Geld nicht widerstehen, das ihre Landsleute anders zu verdienen schienen. Als der globale Zyklus sich drehte, wirkten diese Kräfte stark und mit besonderer Intensität, sobald der Welthandel seinen schnellen Fall aufnahm.
Zwei Prozesse scheinen hier zugleich abzulaufen. Erstens verlangsamte sich der internationale Handel rapide. Für stark exportabhängige Länder wie Deutschland bedeutete das einen herben Rückschlag. Eine zweite Kraft lässt sich als internationale Finanzbeschleunigung bezeichnen. Bald nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers im September 2008 stiegen die Abstände zwischen den Zinsen auf Unternehmensanleihen und denen von ähnlich "risikolosen" Staatsanleihen sprunghaft an. Diese höheren Zinsabstände und der Welthandel beeinflussen sich jetzt gegenseitig: Gesunkene Aussichten für Exporte bringen Unternehmen in Bedrängnis (und treiben mehr von ihnen in die Pleite), was die Zinsaufschläge hoch hält. Deutschland ist in dieser Spirale gefangen.
Der private Konsum in Deutschland ist 2008 schwach geblieben. Und das in einem Jahr, in dem die verfügbaren Einkommen gestiegen sind, da die Dividenden aus vergangenen Jahren endlich bei den Verbrauchern und Arbeitnehmern ankamen. Die Löhne und der Jobaufbau legten im Laufe des Jahres in einem für deutsche Verhältnisse flotten Tempo zu. Dennoch trug die Erwartung schrumpfender Exporte zu unsicheren wirtschaftlichen Aussichten bei und wurde durch die Volatilität der Finanzmärkte noch verstärkt. Beides zusammen hob den Effekt des Einkommensanstiegs wieder auf.
Der deutsche Verbraucher, der für schlechte Zeiten vorgesorgt hatte, entschied sich dafür, noch mehr zu sparen, als diese Zeiten eintraten. Geringe Exporte und ein schwacher Privatkonsum versetzten den Investitionen einen harten Schlag.