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Merken   Drucken   17.01.2007, 18:56 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Auch du, Guido?

Die Unternehmen verlieren ihre Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft. Auch die beste PR-Strategie wird daran nichts ändern. Die Manager müssen zeigen, dass sie sich für das Gemeinwesen einsetzen.
von Thorsten Benner

Wenn der FDP-Parteichef der Wirtschaft vorwirft, ihrer "Verantwortung für den inneren Zusammenhalt unseres Landes" nicht nachzukommen und sie der "Verleumdung der sozialen Marktwirtschaft" zeiht, muss dem letzten Manager klar sein, was die Stunde geschlagen hat. Zwischen den erweckungsbewegten Guido Westerwelle und den DGB-Chef Michael Sommer, für den Global Player wie Deutsche Bank und Allianz "vaterlandslose Gesellen" sind, passt kaum mehr ein Blatt Papier.

Alarmierend sollte für die Managerkaste sein, dass die gewieften Populisten einer breiten Mehrzahl der Bevölkerung aus dem Herzen sprechen. Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage sind 77 Prozent überzeugt, dass es den Wirtschaftsführern vor allem um die Steigerung des Aktienkurses auf Kosten der Mitarbeiter gehe. Nur knapp 13 Prozent glauben, es gehe auch um das Gemeinwohl. Zunehmend sehen sich somit insbesondere global operierende deutsche Unternehmen am Pranger; eine unbequeme Position gerade für die, für die der Heimatmarkt noch zählt.

Viele große Unternehmen hoffen, mit dem richtigem PR-Spin ihre Glaubwürdigkeit zurückzuerobern. So investieren sie in Maßnahmen, die den gesellschaftlichen Wohlfühlfaktor erhöhen sollen, Deutsche Bank und Allianz etwa als Partner der PR-Initiative "Deutschland - Land der Ideen".

Die Attacke von Guido Westerwelle zum FDP-Dreikönigstreffen macht deutlich, dass die Unternehmen sich damit mitnichten aus der Defensive befreit haben. Ursache des Scheiterns ist dabei die Fehldiagnose des Problems: Die grundlegende Herausforderung ist eine politische, auf die reine Öffentlichkeitsarbeit keine Antwort bieten kann.

Die Kritik an den Unternehmen ist Teil einer breiten Abwehrfront gegen wirtschaftliche Öffnung nach außen und Ökonomisierung nach innen. Die Akzeptanz der real existierenden sozialen Marktwirtschaft und der Führungselite in Wirtschaft und Politik ist sich im stetigen Sinkflug.

Die Gegenbewegung wird vor allem von denen vorangetrieben, die sich im vom "Spiegel" propagierten "Weltkrieg um Wohlstand" auf der Verliererseite sehen, weil die Unsicherheit zunimmt. Global agierende Unternehmen gelten als Speerspitze des Wandels. Wenn sie Arbeitsplätze abbauen, um nach eigener Argumentation die Rentabilität und damit die Überlebensfähigkeit des Standorts Deutschland zu sichern, stoßen sie bei den Mitarbeitern und gesamtgesellschaftlich auf ein fundamentales Glaubwürdigkeitsproblem.

Ihren Argumenten fehlt nicht nur deshalb Überzeugungskraft, weil sie oft in der kalten Managementsprache der Kosteneffizienz und Sachzwänge vorgetragen werden. Der Kern liegt tiefer: Den Managern wird die Sorge um das Gemeinwesen abgesprochen. Die Unternehmen, so ein weitverbreitetes Gefühl, haben einseitig den Gesellschaftsvertrag aufgekündigt. Das Management fordert Verzicht von der Belegschaft, lebt aber selbst in Saus und Braus. Hinzu kommt: Der mobile Manager von heute, so die Wahrnehmung, kann jederzeit die Exit-Option wählen und das Gemeinwesen Deutschland verlassen; Arbeiter und Angestellte haben diese Mobilität nicht.

Die Antwort der Unternehmen muss eine politisch-gesellschaftliche sein. Unternehmen gewinnen dann ihre Glaubwürdigkeit zurück, wenn sie in den Augen der Mehrheit der Gesellschaft aktiv daran mitarbeiten, Deutschland in der Spitze und in der Breite wettbewerbsfähig zu machen für die Globalisierung und gleichzeitig den unvermeidlichen Verlierern dieses Prozesses eine sinnvolle Teilhabe zu ermöglichen. Wenn dies klar ist, dann können Unternehmensführer auch vermitteln, dass sie auch eine Verantwortung gegenüber ausländischen Produktionsstandorten haben.

Dies alles setzt, wie es beispielsweise die Bertelsmann Stiftung immer wieder betont, eine gute Unternehmenskultur und verantwortungsbewusste Führung voraus. Die Spitze muss mit gutem Beispiel vorangehen: ambitioniert und motivierend, gleichzeitig mit Augenmaß, Bescheidenheit und ohne Raffgier.

Nach außen ist eine richtig verstandene Corporate Social Responsibility (CSR) Teil der politisch-gesellschaftlichen Antwort auf den Glaubwürdigkeitsverlust. CSR muss allerdings mehr heißen als mit PR-Agenturen abgestimmte Wohlfühlpakete. Es geht dabei um konkrete Initiativen beispielsweise für Integration und Bildung. Wohlverstandene gesellschaftliche Verantwortung heißt auch, Risikokapital in soziale Unternehmer und andere Initiativen zu investieren, die innovative Strategien für wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Probleme entwickeln und so die öffentliche Diskussion in Deutschland zu einem wirklichen "Marktplatz der Ideen" machen. Diese Debatte kann sehr von den Perspektiven und Erfahrungen global agierender Unternehmer profitieren. Dies wäre ein wahrer Beitrag dazu, das Versprechen des "Landes der Ideen" in die Tat umsetzen.

All dies fällt familiengeführten Unternehmen sicherlich leichter, ist aber auch für große, börsennotierte Konzerne zu leisten. Gute Kommunikation ist natürlich auch gefragt, als Mittel zum Zweck.

Ziel muss es sein, dass Unternehmer und Manager verantwortliche Führung ausüben. Das heißt auch, dass sie unbequeme Forderungen aussprechen und Unternehmen wie Gesellschaft mit den erforderlichen Gestaltungs- und Anpassungsleistungen konfrontieren. Und dass sie dabei glaubwürdig sind und gehört werden, weil die Sorge um den unternehmerischen Erfolg und das Gemeinwesen Antrieb aller Bemühungen ist.

Thorsten Benner ist stellvertretender Direktor des Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin.

  • Aus der FTD vom 18.01.2007
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