Adam Posen ist stellvertretender Direktor des Peterson Institute for International Economics in Washington.
Die Welt ist ungerecht. Eigentlich sollte dies eine amerikanische Krise sein. Und jetzt trifft der ganze Bankenschlamassel auch die Euro-Zone - Länder, in denen die Bankenaufsicht angeblich doch viel umsichtiger ist als in den USA.
Diese Sichtweise ist in zweierlei Hinsicht fehlgeleitet: Erstens haben sich viele Banken der Euro-Zone trotz der vermeintlich besseren Regulierung als in den USA und Großbritannien selbst in Schwierigkeiten gebracht. Zweitens geht es im Wirtschaftsleben nun mal nicht immer fair zu.
Beträchtliches Schlamassel
Der Schlamassel ist beträchtlich. Laut Schätzungen des jüngsten Berichts des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur weltweiten Finanzstabilität benötigen die Banken der Euro-Zone Kapitalspritzen in Höhe von mindestens 375 Mrd. $, vielleicht gar 725 Mrd. $. (Zum Vergleich: Das US-Bankensystem benötigt 275 Mrd. $ bis 500 Mrd. $.) Goldman-Sachs-Analysten hatten den gesamten Fehlbetrag ein paar Monate zuvor auf 571 Mrd. $ geschätzt.
Definitive Aussagen kann keiner abgeben. Wüssten wir, wie viel Verlust jede Bank eingefahren hat und welche Institute die Verluste angehäuft haben, dann wäre die Krise schon halb überstanden. Ein brauchbarer Anhaltspunkt ist jedoch, dass Goldman und der IWF in den 90er-Jahren, dem für Japan verlorenen Jahrzehnt, mit ihren Schätzungen der faulen Kredite weitgehend richtig lagen. Zählt man die Emissionsbeträge fragwürdiger Wertpapiere sowie die zu erwartenden Verluste bei Immobilien zusammen und zieht dann die bekannten Verluste in den USA, Großbritannien und der Schweiz ab, kommt man in etwa auf diese Zahl. Und die verbleibenden Verluste müssen in der Euro-Zone stecken.
Risikofaktor langweilige Banken
Ebenso beträchtlich wie der Schlamassel werden dessen Folgen sein. Das traditionelle Bankgeschäft bleibt für die Volkswirtschaften der Euro-Zonen von immenser Bedeutung. Der Großteil der Unternehmensfinanzierung wird über besicherte Bankkredite abgewickelt. Ein bedeutender Anteil der Ersparnisse privater Haushalte liegt auf Sparkonten verschiedener Art. Zwar variiert der genaue Anteil von Land zu Land, aber eine weitere Störung des Bankwesens wird viele Unternehmen in Kapitalnot bringen und zahlreiche Haushalte ihrer Sparrenditen berauben. Anders ausgedrückt: Ein Kapitalverlust bei Banken wirkt sich in der Euro-Zone stärker auf die Realwirtschaft aus als in den USA. Denn dort spielen traditionelle Banken eine deutlich kleinere Rolle. So viel zu der Annahme, dass "langweilige Banken" stabilisierend wirken.
Die Negativfolgen zu umgehen wird schwierig. Vergangene Woche stellte die EU-Kommission ihre geplanten Sofortmaßnahmen gegen die Bankenschwäche in Europa vor. Die werden nicht ausreichen. Die Erfahrung der vergangenen 30 Jahre lehrt uns, dass es nicht einfach ist, den politischen Willen aufzubringen, sich den Problemen im Bankwesen konsequent zu stellen.
Will eine Regierung das Problem mit der Wurzel ausrotten, muss sie sich weiter verschulden und mit dem Geld der Steuerzahler die Banken rekapitalisieren. Gleichzeitig muss sie einige Banken schließen und damit die Kreditvergabe drosseln. An keiner Stelle im Plan der EU-Kommission werden die Mitgliedsländer dazu aufgefordert, das notwendige Geld bereitzustellen oder die richtigen Banken zu schließen.