Sebastian Botzem ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.
Die Finanzkrise hat eine wahre Flut an Vorschlägen für notwendige Korrekturen am System ausgelöst: neue Eigenkapitalvorschriften für Banken und Haftungsregeln einführen, den Internationalen Währungsfonds zur globalen Regulierungsbehörde machen oder Managergehälter deckeln. Vergleichsweise ruhig ist es aber um die internationalen Bilanzierungsregeln - obwohl sie direkt dazu beitragen, dass sich Krisen verschärfen.
Grund dafür ist, dass die Bilanzregeln prozyklisch wirken. In guten Zeiten steigern sie die Gewinne von Unternehmen, im Abschwung verstärken sie deren Misere. Weltweit hat sich zuletzt die Meinung durchgesetzt, dass Jahresabschlüsse den "Fair Value", also den wahren Wert eines Unternehmens, anzeigen sollten. Er biete die größtmöglichen Informationen für Anleger und ermögliche so optimale Entscheidungen.
Allerdings ist es nicht immer einfach, diesen Wert zu ermitteln. Wenn keine Marktpreise zur Verfügung stehen, schätzen die Unternehmen die Werte ihrer Bilanzposten mit Vergleichspreisen oder ökonometrischen Modellen. In Wachstumszeiten profitieren viele von der Praxis: Die ausgewiesenen Gewinne sprudeln, üppige Gehälter und hohe Dividenden werden gezahlt, die Aktienkurse steigen, und durch gestiegene Finanzinstrumente erhöhen sich wiederum die Bilanzwerte.
Solche Dynamiken zeigen sich aber auch in Zeiten des Abschwungs, vor allem bei der Bilanzierung von Finanzinstrumenten, von der Banken in besonderem Maße betroffen sind: Die Werte der Finanzinstrumente stürzen ab, zum Teil lassen sie sich überhaupt nicht mehr verkaufen. Das schmälert das Finanzvermögen und kann Verkäufe erzwingen, die einen weiteren Preisverfall nach sich ziehen. BaFin-Chef Jochen Sanio hat Finanzinstrumente daher schon im April 2008 als "Brandbeschleuniger" kritisiert.
Lukrative Spielräume
Die Krise zeigt aber auch, dass Banken ausgesprochen kreativ mit diesen Wertverlusten umgehen und Spielräume nutzen - die durch einzelne, vermeintlich rein technische Änderungen noch gewachsen sind. Die Deutsche Bank beispielsweise hat für das erste Quartal 2009 wieder 1,2 Mrd. Euro Gewinn vermeldet, nachdem für 2008 noch 3,9 Mrd. Euro Verlust aufgelaufen waren. Dieser wäre nach früheren Bilanzierungsregeln sogar noch höher ausgefallen: Die Bank hätte für das dritte Quartal 2008 ursprünglich einen Verlust von etwa 800 Mio. Euro ausweisen müssen. Stattdessen aber nutzte sie eine Änderung der International Financial Reporting Standards (IFRS) und buchte einen Teil ihrer Kreditwerte vom Handelsbuch ins Bankbuch um. Dadurch musste sie Wertpapiere und Kredite nicht mehr zu Marktpreisen bewerten.
Diese "technische" Reklassifizierung im Umfang von nahezu 900 Mio. Euro macht sich für Manager und Anteilseigner bezahlt. Die Deutsche Bank begründet ihren Schritt damit, dass dieses Vorgehen lediglich eine Anpassung an die Gepflogenheiten der amerikanischen Bilanzierung war. Und in der Tat: Die USA ermöglichten ihren Unternehmen in der Krise größere Spielräume und setzten damit die in Europa geltenden IFRS unter Druck.
Was gut für die Bilanz der Deutschen Bank scheint, verweist aber auf grundsätzliche Probleme der Bilanzierung nach internationalen Standards: deren prozyklischen Charakter und die mangelnde Vergleichbarkeit. Dem dramatischen Verfall von Vermögenswerten ging nämlich ein kräftiger Wertanstieg voraus.