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Merken   Drucken   23.02.2009, 11:53 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Carsten Herrmann-Pillath: Der Riese China kommt zurück  

In China wächst angesichts des Wachstumseinbruchs die Furcht vor sozialer Instabilität. Doch die jüngere Geschichte lehrt: Das Land geht aus Krisen meist gestärkt hervor.
Carsten Herrmann-Pillath ist Professor für Business Economics an der Frankfurt School of Finance & Management und Akademischer Direktor der Sino-German School of Governance.
Dreißig Jahre nach dem Beginn der großen Reformen ist China mit den Folgen der globalen Wirtschaftskrise konfrontiert. Der weltweite Einbruch der Exportnachfrage verursacht Massenschließungen von Unternehmen insbesondere im Süden des Landes. Bilder arbeitsloser Wanderarbeiter, die zum Frühlingsfest in ihre Heimatdörfer zurückkehren müssen, begleiten die Schlagzeilen. Wer in den chinesischen Nordosten heimkehrt, trifft dort zudem auf die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten. Viele Kommentatoren erwarten infolge der Krise eine wachsende soziale Instabilität, die die Einparteienherrschaft herausfordern wird.
Alle, die die Entwicklung Chinas länger beobachten, erleben derzeit ein Déjà-vu. Seit 1978 ist das Land von Krise zu Krise gewachsen und hat immer wieder Prophezeiungen widerlegt, dass ein Kollaps unvermeidlich ist. Auch dieses Tief birgt die inzwischen sprichwörtliche Chance. China hat den Schwung neuer Reformmaßnahmen immer zu nutzen gewusst, um Wachstumspotenziale zu realisieren. Im Jahr des Ochsen rückt erneut der ländliche Raum ins Blickfeld. Führt China hier die vor 30 Jahren begonnenen, aber zwischenzeitlich gebremsten Reformen konsequent zum Abschluss, werden Kräfte mobilisiert, die das Land auf seinem Wachstumspfad halten.
Drei Punkte verdienen Beachtung. Erstens ist China in der günstigen Position, dass die außenwirtschaftlichen Notwendigkeiten mit dem binnenwirtschaftlich Wünschenswerten einhergehen. Pekings entscheidender Beitrag zum Abbau der globalen Ungleichgewichte besteht in der Verringerung der heimischen Sparquote, nicht in der Korrektur des Wechselkurses, der unter Berücksichtigung des Entwicklungsstands längst gegen die Kaufkraftparität konvergiert. Weniger Sparen bedeutet mehr Konsum. Das ist die angemessene Antwort auf die Krise.
Ohnehin wird die Bedeutung der Exporte für die chinesische Wirtschaft gern überschätzt. Tatsächlich tragen sie weniger als ein Viertel zum Wachstum bei. Zwar führt der Einbruch der Lohnveredelung zu kurzfristiger Freisetzung von Arbeitskräften, doch ist die inländische Wertschöpfung längst nicht im gleichen Maße betroffen. Der Rückgang der Wirtschaftsleistung in den vergangenen Monaten war wesentlich durch den Einbruch in der Bauindustrie verursacht.
Zweitens ist vor allem die Provinz Guangdong, die immer das Hauptziel der Wanderarbeiter war, vom Rückgang der Exporte betroffen. Seit Langem will Guangdong den Anteil arbeitsintensiver Billiglohnproduktion reduzieren, und längst werden die Kostenvorteile durch stetige Produktivitätszuwächse verursacht. Die erhebliche Verteuerung des Faktors Arbeit durch das neue Arbeitsgesetz von 2008 wurde bewusst in Kauf genommen. In Kombination mit der Krise beschleunigt das den Strukturwandel - ganz im Sinne schöpferischer Zerstörung.
  • Aus der FTD vom 23.02.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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