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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

Merken   Drucken   07.10.2008, 10:09 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Christian Scholz - Bei der Hypo Real Estate stinkt der Fisch vom Kopf her  

In einer Studie zum Humankapital landete die Hypo Real Estate auf dem letzten Platz - ein Indiz dafür, dass die Finanzkrise auch mit katastrophalem Personalmanagement zu tun hat.
Christian Scholz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes.
Man kann es sich einfach machen und die Finanzmarktkrise als amerikanisches Problem betrachten. Doch spätestens die Schieflage der Hypo Real Estate Holding und das Paket von 50 Mrd. Euro für ihre Rettung dürften uns aufgeweckt haben.
Zur weiteren Verdrängung könnte man das Problem nur im Kapitalmarkt verorten. Doch auch dieser Hoffnungsfunke ist erloschen: Zum einen schlägt die Finanzkrise auf die ganze Volkswirtschaft durch. Zum anderen wurde sie nicht nur durch Finanzspekulation ausgelöst, sondern vom Versagen überforderter, risikofreudiger, größenwahnsinniger und überbezahlter Manager - und die findet man nicht nur in einigen Banken.
Probleme beginnen mit der Personalauswahl
Spätestens jetzt ist man an dem Punkt angelangt, der erfahrungsgemäß unter den Tisch fällt beziehungsweise sich unter dem Tisch versteckt: nämlich die Verantwortung der Personalfunktion, vor allem für die oberen Führungsebenen. Trotzdem ist irgendwer für diese Manager zuständig.
Die Probleme beginnen mit der Personalauswahl: Hier unterstellt man einfach, dass jeder im oberen Management automatisch über ausreichendes Fachwissen verfügt, denn sonst wäre diese Person nicht so weit gekommen. Das klingt grotesk, ist es auch - und wird trotzdem so praktiziert. Man prüft primär Sozialkompetenz, also ob sich der Topmanager in spe nahtlos in den bestehenden Führungskreis einfügt. Die obere Führungsebene fährt daher in vielen Fällen fachlich "Formel 1 mit verbundenen Augen". In anderen Bereichen wäre dies undenkbar und würde bestraft werden: Wenn ein Bauunternehmen einen fahruntüchtigen Baggerfahrer einstellt, der die Kunst des Baggerfahrens nicht beherrscht, hat dieses Bauunternehmen ein rechtliches Problem. Das Gleiche müsste für Führungskräfte gelten - egal, in welcher Branche, egal, auf welcher Ebene.
Denn: Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass nur die Manager einiger weniger Banken derart inkompetent und/oder fahrlässig und/oder opportunistisch sind. Eine kritische Bestandsaufnahme muss daher alle Branchen treffen.
Das Erste, was auffällt, sind natürlich die Managergehälter, bei denen die Vergütung in keiner Relation zur Leistung steht. Weil sie kurzfristige Risikofreude belohnt, ist es verständlich, wenn ein Manager nur auf seinen Bonus schielt und für andere Themen blind ist. Grotesk auch die real existierenden Fälle, bei denen sich das obere Management erst für einen Unternehmenszusammenschluss belohnt - und kurz darauf für dessen Rückabwicklung. Eng damit verbunden sind die Abfindungsregelungen selbst für die Manager, die wegen ihrer Fehler das Unternehmen verlassen müssen und nicht einmal straf- beziehungsweise zivilrechtlich verfolgt werden.
Die personalwirtschaftlichen Defizite setzen sich fort bei der Entwicklung und Führung von Personal sowie dem internationalen Management-Development, um nur einige zu nennen.
  • Aus der FTD vom 07.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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