Christoph Meinel ist Direktor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam.
Wer augenfällige Indizien für unser Innovationsproblem sucht, schaue auf die Informationstechnologie-Branche: Vollmundig versprechen uns Hersteller immer neue Produktfunktionen, packen immer höhere Rechenleistung in stets kleiner werdende Geräte und polieren sie optisch auf Hochglanz. Doch gleichzeitig verzweifeln Anwender immer häufiger an der Bedienung ihrer Geräte oder an der Nutzung bestimmter Dienste. Es gibt viel alltäglichen Frust bei der Nutzung von Softwareprogrammen und Ärger über "Technikmacken" - und das nicht nur bei Informations- und Telekommunikationstechnologien.
Warum ist das so? Weil Entwickler oft die Scheuklappen der eigenen hochkarätigen Technikdisziplin nicht ablegen (können) und hauptsächlich die neuen technischen Möglichkeiten im Blick haben, aber nicht den Menschen, der sie nutzen soll. Trotz anderslautender Beteuerungen wird die sogenannte Usability kaum in den Innovationsprozess einbezogen. Neue Funktionalität steht im Vordergrund, der Nutzer hingegen oft im Abseits.
Eine Ursache dafür liegt in der Architektur unserer Wissenschaftslandschaft. An Universitäten und Hochschulen bilden thematisch weitgehend unabhängig arbeitende Disziplinen Spezialistennachwuchs aus: Experten, deren Wissen sehr tief geht, die aber einen Sachverhalt vornehmlich mit dem Tunnelblick des eigenen Faches wahrnehmen. Diskutiert und veröffentlicht darüber wird ebenfalls vor allem in den Grenzen der eigenen Community. Dies geschieht überdies nicht selten in einer Sprache, die Außenstehenden den Zugang verwehrt.
Dieses Problem setzt sich auch in der Wirtschaft fort. In Innovationsprozesse sind zwar Experten unterschiedlicher Bereiche involviert, doch fehlt es diesen häufig an einer gemeinsamen Sprache und Kultur. Isoliert vom übrigen intellektuellen und kreativen Potenzial werden Lösungen ersonnen, die den neuesten Stand der Technik repräsentieren, aber häufig den außer Betracht lassen, dem das Ganze letztlich nutzen soll: den Anwender.
Die Erkenntnis dieses Missstands begründet die Vermutung, dass andere Wege zu wirklich nutzerfreundlichen Innovationen für alle Lebensbereiche führen. Als Erstes müssen wir deshalb wohl die Abrissbirnen der schöpferischen Zerstörung gegen hochgezogene und etablierte Mauern zwischen den Wissenschaftsdisziplinen richten. Immer tiefer gehende Kenntnisse in einzelnen Fachbereichen schaffen es nicht, den immer komplexer werdenden Fragestellungen gerecht zu werden. Ohne die fachliche Tiefe preiszugeben, ist in der Breite mehr Interdisziplinarität, ja Multidisziplinarität erforderlich. "T-shaped People" nennt man im angelsächsischen Raum Experten, die gelernt haben, Tiefe und Breite zu verbinden.
Wie Stanford-Professor David Kelley, Gründer der weltweit agierenden Designagentur IDEO und Initiator des Hasso Plattner Institute of Design an der Stanford-Universität, schon vor Jahren erkannt hat, werden bedeutende Innovationsimpulse freigesetzt, wenn sich starke, multidisziplinär zusammengesetzte Gruppen zusammenfinden, um eine gemeinschaftliche Kultur zu bilden und unterschiedliche Meinungen und Perspektiven zur Geltung kommen zu lassen - bei radikaler Zusammenarbeit und unter Beachtung bestimmter Regeln. Er nennt dies "Design Thinking", am besten zu übersetzen mit erfinderischem Entwickeln durch kreatives Querdenken. Inzwischen wird es in universitären Innovationsschulen gelehrt, zum Beispiel in Palo Alto und in Potsdam.