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  FTD-Serie: Analyse des Desasters

Was gestern vor einer Woche noch unvorstellbar war, ist heute Wirklichkeit: Investmentbanken implodieren, die US-Regierung verstaatlicht mit Hilfe der Fed den größten US-Versicherer und der deutsche Einlagensicherungsfonds scheint auch nicht mehr so sicher wie geglaubt. FTD.de analysiert und kommentiert die unglaublichen Vorgänge.

Merken   Drucken   13.10.2008, 17:54 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Dani Rodrik - Mörder der Wall Street  

Solange die wahren Ursachen der Finanzkrise nicht ermittelt sind, führt der Regulierungseifer ins Leere. Neue Vorschriften der Politik drohen auch die nützlichen Finanzinnovationen auszulöschen. von Dani Rodrik
Dani Rodrik ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Kennedy School of Government der Universität Harvard. Die Kolumne von Lucas Zeise erscheint wieder am 28. Oktober.
Es ist heute nicht gerade schweißtreibend, ein Finanzskeptiker zu sein. Darum sollten wir uns erinnern, wie zwingend die Logik der Finanzinnovationen, die uns in die derzeitige missliche Lage gebracht haben, noch vor nicht allzu langer Zeit schien.
Wer würde denn nicht wollen, dass die Kreditmärkte der Förderung des Wohnungseigentums dienen? Beginnen wir also damit, ein wenig echten Wettbewerb in das Hypothekengeschäft zu bringen. Wir gestatten es Nichtbanken, Eigenheimkredite zu vergeben, und erlauben ihnen, potenziellen Eigenheimbesitzern, die von konventionellen Verleihern nicht gut bedient werden, kreative, preiswertere Hypotheken anzubieten.
Dann ermöglichen wir, dass diese Kredite gebündelt und zu Wertpapieren verschnürt werden, die an Kapitalanleger verkauft werden können. Auf diese Weise verringern wir das Risiko. Wir gliedern die Zahlungsströme aus diesen Eigenheimkrediten in Tranchen mit unterschiedlichem Ausfallrisiko und entschädigen die Inhaber der riskanteren Sorte mit höheren Zinsen. Anschließend fordern wir die Ratingagenturen auf, uns zu bescheinigen, dass die weniger riskanten dieser hypothekenbesicherten Wertpapiere sicher genug sind, dass Pensionskassen und Versicherungen in sie investieren können. Und für den Fall, dass noch immer jemand nervös ist, schaffen wir Derivate, die es Anlegern ermöglichen, sich gegen Zahlungsausfälle der Aussteller dieser Wertpapiere zu versichern.
Demütigung der USA
Um die Vorzüge von Finanzinnovationen herauszustellen, hätten sie sich nichts Besseres ausdenken können: Millionen armer und bisher ausgegrenzter Familien wurden dank ihnen zu Hausbesitzern. Investoren erzielten hohe Renditen, und die Finanzmittler strichen Gebühren und Provisionen ein. Es hätte wie ein Traum funktionieren können - und bis vor etwa anderthalb Jahren dachten viele Finanziers, Ökonomen und Politiker, dass es dies auch täte.
Dann stürzte alles in sich zusammen. Die Krise hat die Wall Street verschüttet und die USA gedemütigt. Die Rettung der in Schwierigkeiten geratenen Finanzinstitute im Umfang von fast 1000 Mrd. $, die das US-Finanzministerium schultern muss, lässt die Kernschmelze in den Schwellenländern wie die "Peso-Krise" in Mexiko 1994 wie Fußnoten erscheinen.
Entscheidend ist jetzt die Frage: Wo ging alles schief? Wenn unsere Heilmittel die wahren Ursachen der Krise nicht angehen, könnte unser neu gefundener Regulierungseifer nicht nur die toxischen Arten von Finanzinnovationen auslöschen, sondern letztlich auch nützliche.
Die Sache ist nur, dass an Verdächtigen kein Mangel herrscht: Waren skrupellose Hypothekenbanken das Problem, die sich Kreditbedingungen wie "Lockzinsen" und Aufschläge für vorzeitige Tilgungen ausdachten? Vielleicht. Aber diese Strategien hätten für die Kreditgeber keinen Sinn ergeben, hätten sie nicht geglaubt, die Häuserpreise würden immer weiter steigen.
  • Aus der FTD vom 14.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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