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Merken   Drucken   11.11.2008, 21:44 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Der Nachteil des Ölpreisverfalls  

Der Einbruch des Ölpreises ist de facto eine Art Steuersenkung. Für notwendige Investitionen in Erneuerbare Energien und Energieeffizienz ist die Entwicklung jedoch eine große Gefahr. von Daniel Yergin
Daniel Yergin ist Chairman der Beratungsfirma Cambridge Energy Research Associates.
Der Ölpreis ist ein zuverlässiges Barometer der Weltwirtschaft. Der Preisanstieg zwischen 2003 und 2007 spiegelte das beste Wachstum der Weltwirtschaft seit einer Generation. Nicht nur die Unterbewertung von Risiko, überschüssige Liquidität und übergroßes Vertrauen haben diesem starken Wachstum ein Ende gesetzt. Auch ein zunehmend untragbarer Rohstoffboom hat dazu beigetragen - und Öl spielte dabei eine zentrale Rolle. Jetzt, da die Welt in eine Rezession abrutscht, ist der Ölpreis um mehr als die Hälfte gefallen.
Dieser Rückgang zeigt auch, welche Macht Preise an sich besitzen. Denn steigende Preise führen bei Verbrauchern, Regierungen und Unternehmen zu Entscheidungen, die die Nachfrage verändern. Nun belastet auch die Rezession immer stärker die Nachfrage.
Natürlich handelt es sich beim jüngsten Preissturz auf 60 bis 70 $ das Barrel nur dann um einen Einbruch, wenn man vergessen hat, dass der durchschnittliche Ölpreis 2007 und 2006 bei 72 $ beziehungsweise 66 $ je Barrel lag. Das sensible Wechselspiel zwischen Angebot und Nachfrage war nicht der einzige Faktor, der den Preis nach oben getrieben hat. Der explosionsartige Anstieg begann im Spätsommer 2007, als die Schwäche des Dollar eine Flucht in Rohstoffe auslöste.
Natürlich war der Anstieg beim Ölpreis bis Juli 2008 auch psychologisch bedingt. Der Ökonom Robert Shiller von der Universität Yale sprach von einer "ansteckenden Begeisterung, was die Investitionsaussichten angeht". Es war fast wie beim Poker: Ein Einsatz von 200 $ wird auf 250 $ erhöht und steigt erneut auf 500 $. Der Preis entwickelte eine Eigendynamik und schuf seine eigene Wirklichkeit.
Hinter dieser ansteckenden Begeisterung verbargen sich zwei Grundannahmen. Zum einen der Glaube an die "Abkopplung", also dass der Konjunkturabschwung in den USA sich nicht auf den Rest der Welt ausweiten würde. Die Ereignisse der vergangenen Monate haben aber gezeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist - nämlich dass in einer globalisierten Welt die Volkswirtschaften eng miteinander verflochten sind.
Die zweite unausgesprochene Grundannahme war, dass der Ölpreis keine Rolle spielt. Man ging einfach davon aus, dass die steil ansteigenden Preise weder Nachfrage noch Angebot beeinflussen würden. Tatsächlich bestand diese Möglichkeit, es wäre allerdings eine Premiere in der Wirtschaftsgeschichte gewesen. Wie sich herausgestellt hat, bleiben uns zyklische Konjunkturbewegungen erhalten.
  • Aus der FTD vom 12.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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