FTD.de » Meinung » Kommentare » Die abgedrehte Wissenschaft

Merken   Drucken   27.04.2009, 13:42 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Die abgedrehte Wissenschaft  

Die Ökonomen sind mit ihrem großen Forschungsprojekt gescheitert. Im Bemühen, eine perfekte Theorie zu entwickeln, haben sie die Wirklichkeit allzu weit aus dem Auge verloren. von John Kay
John Kay ist einer der führenden britischen Ökonomen. Er hat an Hochschulen, Thinktanks, in Unternehmen, Unternehmensberatungen und Investmentgesellschaften gearbeitet und ist regelmäßiger Kolumnist der FT.
Die vergangenen zwei Jahre haben die Reputation der Ökonomen nicht eben gestärkt. Zum überwiegenden Teil haben sie es versäumt, auf fundamentale Schwächen der Finanzmärkte hinzuweisen, und sie haben die Krise nicht vorhergesehen. Jetzt streiten sie sich über die angemessene Politik und über den wahrscheinlichen weiteren Wirtschaftsverlauf.
Obwohl es in den vergangenen 25 Jahren mehr wirtschaftswissenschaftliche Forschung gegeben hat als je zuvor, stammen die Ökonomen, auf deren Namen man sich derzeit am meisten bezieht, aus früheren Generationen. Hyman Minsky und John Maynard Keynes beispielsweise.
Seit den 70er-Jahren haben die Ökonomen an einem großen Projekt gearbeitet. Das Ziel dieses Projekts lautet, dass die Makroökonomie eine mikroökonomische Fundierung haben sollte. Übersetzt in die normale Sprache bedeutet das, dass alles, was wir über die großen Fragen der Wirtschaftspolitik sagen - also über Wachstum und Inflation, Boom und Krise -, auf der Untersuchung von individuellem Verhalten gründen sollte.
Wenn man das so formuliert, dann klingt dieses Projekt offenkundig wünschenswert, ja sogar unverzichtbar. Ich gestehe, dass ich selbst lange davon verführt worden bin.
Die meisten Ökonomen würden behaupten, dass dieses Projekt ein Erfolg war. Aber die Kriterien dafür sind die selbstreferenziellen Kriterien des modernen Wissenschaftsbetriebs. Das größte Kompliment, das man heutzutage einem ökonomischen Argument machen kann, lautet, dass es logisch streng ("rigorous") formuliert ist. Die heutigen makroökonomischen Modelle erfüllen diesen Anspruch mit Sicherheit.
Aber die Politik und die Öffentlichkeit sind zu Recht nicht daran interessiert, ob Modelle streng formuliert sind. Sie wollen wissen, ob sie nützlich und erhellend sind. Und da sehen die strengen Modelle nicht gut aus.
In einer frühen Phase des Projekts entwickelte Robert Lucas, einer der Architekten und ein späterer Nobelpreisträger, die sogenannte Lucas-Kritik: Er argumentierte, dass die normalen Standards der statistischen Gültigkeit auf die Vorhersagen des Projekts nicht angewendet werden sollten. In den Worten seines Kollegen Thomas Sargent war Lucas in Sorge, dass solche Tests "zu viele gute Modelle ablehnen würden".
  • Aus der FTD vom 27.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
  18.05. Pressestimmen zum Röttgen-Rauswurf "Angela Merkel eiskalt"
Pressestimmen zum Röttgen-Rauswurf: "Angela Merkel eiskalt"

Deutschlands Leitartikler zeigen sich verwundert über Merkels schroffe Art bei Röttgens Zwei-Minuten-Rausschmiss, erkennen dafür aber gute Gründe. Einer sieht die alte Merkel zurückkehren. mehr

 



  18:35 Deutsches Mädchen jahrelang als Sklavin gehalten
Vermischtes: Deutsches Mädchen jahrelang als Sklavin gehalten ...

In Bosnien ist ein deutsches Mädchen acht Jahre lang als Sklavin gehalten worden. mehr

Mehr zu: Bosnien, Deutsche

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote