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Merken   Drucken   12.11.2005, 10:00 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Die Chinesen kommen nicht  

China hat ein viel dramatischeres demografisches Problem als der Westen. Es droht, zum Land der Senioren und des Frauenmangels zu werden. Auch das erklärt den Aufstiegshunger. von David Willetts
Der Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Europa bot diese Woche eine großartige Gelegenheit, über bessere Handelsbeziehungen und über die Lage der Menschenrechte in China zu sprechen. Ich hoffe jedoch, dass auch über Chinas außerordentliche demografische Situation geredet wurde. Denn dieser Faktor könnte das Schicksal des Landes in den kommenden Jahrzehnten prägen.
Ein Grund für das rasante Wachstum Chinas ist seine besonders günstige demografische Position. In den 60er und 70er Jahren konnten die Ärzte die Kindersterblichkeit massiv eindämmen, was jetzt zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl von jungen Menschen im Erwerbsalter führt - ein jährlicher Zuwachs von zehn Millionen. China muss diese Menschen nun in die arbeitende Bevölkerung absorbieren. Wenn man dann noch die massive Landflucht berücksichtigt, wird deutlich, warum die Löhne niedrig sind und das Wachstum so groß ist. Es gibt wenig Rentner und auch nicht viele Kinder. Ein Paradebeispiel für den Pythoneffekt, und das Kaninchen steckt mitten in der Schlange.
Schon ab 2015 wird die Zahl der Chinesen im Erwerbsalter allmählich sinken. Ab 2040 werden die jungen Arbeiter von heute in Rente gehen - die nach den Indern zweitgrößte Bevölkerungsgruppe der Welt werden dann chinesische Rentner sein. Richard Jackson und Neil Howe weisen in ihrem exzellenten Forschungspapier "The Graying of the Middle Kingdom (Das Ergrauen des Reichs der Mitte)" darauf hin, dass es dann weit über 100 Millionen Chinesen geben könnte, die 80 Jahre oder älter sind - das wären mehr, als heute in dieser Altersklasse Menschen auf der ganzen Welt leben.
Wegen der Ein-Kind-Politik Chinas wird es in der Vier-Zwei-Eins-Bevölkerungsstruktur (vier Großeltern, zwei Eltern, ein Kind) weniger neue Arbeiter geben. Viele Länder durchlaufen diesen demografischen Wandel. Aber der gleiche Prozess, der im Westen ein Jahrhundert dauert, wird in China innerhalb von 40 Jahren abgeschlossen sein. Die verzweifelte Jagd nach Wirtschaftswachstum ist von der Furcht getrieben, dass China alt werden könnte, bevor es reich wird.
Es ist noch nicht allzu lange her, da war China mit einem Durchschnittsalter von 20 Jahren eines der jugendlichsten Länder der Welt. Jetzt liegt das durchschnittliche Alter Schätzungen zufolge bei 33 Jahren und wird nach einer Prognose der Uno 2050 bei 45 Jahren liegen. Für Großbritannien gehen die Forscher von 43 Jahren und für die USA von 41 Jahren aus.
Ältere Länder sind gut darin, dank Alter und Erfahrung die Produktivität schrittweise zu steigern. Nicht so gut sind sie in den Arten der Leistungsverbesserung, die daher kommen, dass man die Dinge anders macht. Radikale Innovationen scheinen der Jugend zu entspringen.
Eine weitere wichtige Dimension bei all dem ist, dass China über keine starke Zivilgesellschaft verfügt. Stattdessen herrschen dort starke Familienbande vor. Die Familien sind verantwortlich für die Alten, und mehr als zwei Drittel der Chinesen über 65 Jahre leben bei ihren Kindern. Nur ein Prozent der über 80-Jährigen leben in Altersheimen. Zum Vergleich: In den USA sind es 20 Prozent.
Dass diesem Brauch die Ein-Kind-Politik aufgezwungen wurde, hat außerordentliche Auswirkungen. Darf man nur ein Kind haben, ist es höchst wünschenswert, einen Jungen zu bekommen. Die Bestimmung wird inzwischen nicht mehr so streng befolgt wie früher, aber sie wirkt sich umso mehr auf das zweite Kind aus, da es viele Chinesen wirklich für die letzte Gelegenheit halten, einen Sohn zu bekommen. Auf 100 Mädchen als zweites Kind kommen 152 Jungen. Insgesamt ist das Verhältnis 120 Jungen zu 100 Mädchen.
Dem Land wird diese außergewöhnliche Schieflage inzwischen bewusst. Vergangenes Jahr wurden Ultraschalluntersuchungen verboten, um Abtreibungen wegen des "falschen" Geschlechts zu unterbinden. Dennoch steht China vor einer Zukunft, die einer traditionellen britischen Universität ähnelt: Viel zu viele Männer kommen auf zu wenige Frauen. Schon jetzt gibt es deshalb Medienberichte über junge Frauen, die aus Ländern wie Nordkorea oder Vietnam mit Geld geködert oder gar verschleppt werden. China wird in großem Umfang Frauen zur Einwanderung bewegen müssen, ansonsten werden viele junge Männer das Land verlassen.
Das Gleichgewicht der Geschlechter kann die Werte einer Gesellschaft formen. Sind die Männer in der Mehrheit, ist ihre Verhandlungsposition schwach, und sie müssen umsichtig und fleißig sein, um eine Frau zu gewinnen. Sind die Frauen in der Mehrheit, sind sie in der schlechteren Lage, und die Männer kommen auch mit unverantwortlichem und nutzlosem Verhalten durch. (Eine der Theorien über die Probleme von Amerikas Stadtzentren besagt, dass es einen Mangel an jungen Männern gibt, weil so viele im Gefängnis sitzen oder im Militär Dienst leisten.)
China wird also voll mit alten Menschen und ziemlich ernsten, frustrierten jungen Männern sein. Es wird eine der dramatischsten und ungewöhnlichsten demografischen Veränderungen sein, die die Welt seit langem erlebt habt. Chinas Führung täte gut daran, Vorbereitungen für diese Zukunft zu treffen.
David Willetts ist Sprecher für Handel und Industrie der britischen Konservativen und Mitglied der vom Centre for Strategic and International Studies gegründeten Global Aging Initiative.
  • FTD.de, 12.11.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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