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Merken   Drucken   01.05.2007, 11:30 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Die Zähmung der Spekulanten

Ängste vor möglichen Jobverlusten durch die Globalisierung sind berechtigt. Aufgabe der Politik ist es aber, intelligente Instrumente für die Absicherung dieser Risiken zu entwickeln.
von Robert J. Shiller

Vor Kurzem wetterte Nicolas Sarkozy, der Favorit bei der französischen Präsidentschaftswahl, gegen das, was er als "Spekulationskapitalismus" bezeichnet, und sagte, er wolle "das Finanzgebiet moralisieren", das durch den Euro geschaffen wurde.

Was meint Sarkozy mit "Spekulationskapitalismus"? Anscheinend etwas Unmoralisches, aber was nur? Der Begriff wurde zuvor selten benutzt und scheint überflüssig. Kapitalismus ist ja so etwas wie ein Synonym für Spekulation.

Sarkozy drückt ein Gefühl aus, das weder für seine Partei noch für Frankreich ungewöhnlich ist. Es geht um neue Vorstellungen und Haltungen, die das 21. Jahrhundert beeinflussen werden. Daher sollten wir gut überlegen, was "Spekulationskapitalismus" bedeutet.

Sarkozy hat den Freihandel als eine "Politik der Naivität" bezeichnet und will verschiedene Maßnahmen einführen, die eine wirtschaftliche Globalisierung erschweren würden. Obwohl er den französischen Arbeitsmarkt beweglicher machen möchte, würde er ausländische Übernahmeangebote für französische Firmen abblocken und Airbus-Arbeiter vor dem möglichen Verlust ihrer Arbeitsplätze schützen. Frankreich vor dem Spekulationskapitalismus zu schützen heißt anscheinend, in den Freihandel einzugreifen, um Arbeitsplätze vor Ort zu sichern.

Sicherlich macht Sarkozy zu Recht auf die gewaltigen Risiken aufmerksam, denen Arbeitnehmer und ihre Gemeinden bei der rapide voranschreitenden Globalisierung ausgesetzt sind. Doch dieses Problem in den Mittelpunkt zu stellen sollte nicht bedeuten, bestehende Jobs um jeden Preis zu schützen.

Kapitalisten investieren, wo sie die höchsten Erträge erwarten. Das nennen wir Spekulation. Sie kaufen Firmen, lösen sie auf, legen sie auf andere Weise zusammen, feuern ein paar Angestellte und stellen andere ein. Wenn sie dabei Profit machen wollen, können sie es sich nicht leisten, dass sich Patriotismus oder Gefühle einmischen. Sie machen ihre Geschäfte dort, wo es am vorteilhaftesten ist. Die Belohnung von erfolgreichen Unternehmen ist die grundlegende Idee des Kapitalismus - ein dynamischer Prozess, den Joseph Schumpeter als "kreative Zerstörung" bezeichnete.

Im Kapitalismus ist man unmoralisch, wenn man einen Vertrag nicht einhält oder das Gesetz bricht, aber nicht, wenn man spekuliert. Die Planwirtschaften konnten nie florieren, weil die Ungewissheit hinsichtlich der Zukunft einfach zu groß ist. Man überlässt sie am besten den Spekulanten mit einer möglichen Belohnung, wenn sie recht haben, und der disziplinierenden Rute des Marktes, wenn sie falsch liegen.

Bedenken gegen den Freihandel gewinnen weltweit an Einfluss. Alan Blinder, ein früherer Berater Präsident Bill Clintons und Vizechef der US-Zentralbank, behauptete letztes Jahr in einem Artikel in "Foreign Affairs", dass der Globalisierungsprozess künftig massive Arbeitsplatzverluste auslösen könne. Da Kommunikationstechnologie es im Prinzip erlaubt, Angestellte durch andere zu ersetzen, die Tausende Kilometer entfernt sind, stehen wir vielleicht erst am Anfang dieses Prozesses.

Blinder hat völlig recht, dass sich das Problem verschlimmern könnte. Menschen, die dieses Problem leugnen - etwa der Ökonom Jagdish Bhagwati - können nicht beweisen, dass das Schlimmste nicht eintreten wird. Wir sollten uns auf die Möglichkeit massiver Umbrüche in unseren Wirtschaftssystemen in den nächsten Jahren vorbereiten, selbst wenn wir nicht beweisen können, dass es dazu kommen wird - genau wie wir Maßnahmen gegen die Erderwärmung ergreifen sollten, auch wenn einige Wissenschaftler bezweifeln, dass sie ein Problem darstellt.

Laut Blinder sollte der Staat die Ausbildung in Berufen fördern, die schwerer ins Ausland zu verlagern sind. Er will, dass der Staat "persönlich geleistete Dienstleistungen" subventioniert, die nicht per Internet geliefert werden können.

Subventionen beeinträchtigen natürlich den freien Handel. Doch Blinders Lösung scheint eine kreative neue Idee zu sein, und es gibt legitime Gründe für den Staat, in den freien Markt einzugreifen. Die Idee ist sicherlich fokussierter und theoretisch besser durchdacht als Sarkozys Pläne, bestehende Jobs zu schützen. Tatsächlich ist Blinders Vorschlag nur eine von vielen möglichen staatlichen Maßnahmen, um mit den Wirren des Internetzeitalters auf dem Arbeitsmarkt fertigzuwerden und den Lebensunterhalt zu sichern.

Weitere kapitalistische Institutionen sind Risikomanagementsysteme, die Versicherungen, Hedging und Streuung anbieten. Der Staat kann die Demokratisierung solcher Institutionen fördern, sodass sie vor genau den Risiken schützen, die den Menschen die größten Sorgen bereiten. Möglich sind etwa Versicherungen, die den Lebensunterhalt oder den Wert einer Wohnimmobilie absichern, Kredite, die an das Einkommen, oder Wertpapiere, die an das BIP oder Hauspreise gekoppelt sind.

Zudem kann der Staat die Sozialversicherung (die die private Versicherung ergänzt) anreizkompatibler und besser im Risikomanagement machen - und das nicht nur für die Risiken der extremen Verlierer. Er könnte etwa das Steuersystem an einer Messgröße der Einkommensungleichheit indexieren. Zudem könnte er unsere Informationsinfrastruktur verbessern, sodass Finanzverträge die Ergebnisse wirtschaftlicher Risiken besser widerspiegeln können.

Sarkozy sollte nicht gegen den "Spekulationskapitalismus" wettern. Im Gegenteil, er sollte fragen, wie der Kapitalismus weiterentwickelt werden kann - mit neuen Institutionen, die das sehr wichtige Problem angehen, das in seinem Wahlkampf herausgestellt wurde.


Robert J. Shiller ist Professor an der Yale University und Gründer des Unternehmens Macromarkets LLC.www.project-syndicate.org
  • FTD.de, 01.05.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
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