Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU)
Wer heute denkt, dass mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung das Lernen ein Ende hat, der hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Die nächsten Jahre und Jahrzehnte stellen ganz neue Anforderungen an die Gesellschaft und an jeden Einzelnen.
Da ist zum einen die demografische Entwicklung, die bis in die kleinsten Verästelungen der sozialen Sicherungssysteme ihre Wirkung entfaltet. Ein Blick in die Statistik zeigt: In diesem Jahr übersteigt der Altenquotient erstmals den Jugendquotienten. Das heißt, auf 100 Menschen zwischen 20 und 65 Jahren kommen künftig immer mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige. Die Folge: Die demografischen Verschiebungen tragen ihren Teil dazu bei, dass Deutschland einen zunehmenden Mangel an Fachkräften haben wird.
Neben den gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit diesem demografischen Wandel verbunden sind, wird damit auch unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit in Frage gestellt: Der Wettbewerb um die besten Ideen und Talente verteilt sich immer stärker über den ganzen Erdball. So schmilzt nicht nur der technologische Vorsprung des europäischen Kontinents. Auch die USA müssen alles tun, um im weltweiten Streben nach den besten Ideen und den kreativsten Lösungen nicht abgehängt zu werden.
Nur Bildung schafft die Voraussetzung dafür, dass niemand zum Modernisierungsverlierer wird. Und zwar in zweifacher Hinsicht.
Zum einen ist Bildung der Schlüssel für kulturelle, soziale, ökonomische und politische Chancen zur Teilhabe, für individuelle Lebenschancen und für die gesellschaftliche Entwicklung. Bildung formt nicht nur die Identität eines Menschen und gibt ihm einen kulturellen Halt in der modernen Welt. Bildung legt auch das Fundament, damit sich jeder Einzelne nach seinen Fähigkeiten entfalten kann. Und das nicht erst in der Schule, während einer Berufsausbildung oder während des Studiums. Bildung beginnt schon in den Familien. Hier werden die Grundlagen gelegt, auf die Kindergarten und Schule aufbauen.
Um gerade die Bildung von Kindern in den frühen Jahren zu verbessern, müssen wir die frühkindliche Bildung stärken. Wir müssen deshalb die Bildung und Erziehung von Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren als einen kontinuierlichen Prozess begreifen. Für die folgenden Jahre gilt: Am Ende der Schulzeit darf nicht eine junge Frau oder ein junger Mann ohne Abschlusszeugnis stehen. Dass fast jeder Zehnte in Deutschland die Schule ohne einen Abschluss verlässt, können wir uns nicht leisten. Auch läutet ein Schulabschluss oder der Gesellenbrief lang nicht das Ende des Lernens sein.
Wir müssen Leistung würdigen und belohnen. Das ist nicht so selbstverständlich, wie es klingt - wir brauchen dafür einen Mentalitätswandel. Die Stärke eines Bildungssystems hat etwas mit dem Klima in einer Gesellschaft zu tun, mit dem Stellenwert von Lernen und Leistung und dem Ansehen von all jenen, die sich um die Bildung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen kümmern. Eine Gesellschaft, die in Lernen und Leistung nur ein Relikt aus alten Zeiten sieht, kann Schulen so viel Bildungsreformen verordnen, wie sie will. Sie wird den gewünschten Erfolg nicht erzielen.