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Merken   Drucken   02.05.2005, 15:27 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Erbärmliches Ablenkungsmanöver  

Die Antikapitalismus-Debatte in Deutschland hat bizarre Züge angenommen. Jetzt gibt es schon schwarze Listen mit ausländischen Investoren - sie sind die neue Heuschreckenplage, wie es heißt. Und asozial sind die, die gut verdienen und dennoch keine neuen Arbeitsplätze in unserem Land schaffen. von Heinrich von Pierer
Heinrich von Pierer   Heinrich von Pierer
Viele Argumente, die in der Diskussion angeführt werden, gehen dabei an der Wirklichkeit vorbei. Das beginnt schon damit, dass man nicht zur Kenntnis nehmen will, wo viele Unternehmen ihre Gewinne machen, nämlich häufig und ganz überwiegend im Ausland, in manchen Fällen bis zu 90 Prozent. Dort zahlen sie dann selbstverständlich auch Steuern, und dort müssen sie auch Wertschöpfung aufbauen. Auch aus Kostengründen, aber nicht nur deshalb.
Denn in vielen wichtigen Ländern - nicht nur in China, auch in den USA und manchmal auch in Europa - ist lokale Wertschöpfung Pflicht, wenn man als Unternehmer an Aufträge herankommen will. Und es ist doch eigentlich eine Binsenweisheit, dass Arbeitsplätze nicht von den Unternehmen, sondern von den Kunden geschaffen werden. Die Kunden sind aber keine Patrioten, sondern sie sind berechtigterweise ganz und gar auf ihren persönlichen Vorteil aus.
Wer alles so lassen will, wie es ist, wird auch das verlieren, was er bewahren will
Selbst die öffentliche Hand kauft bei dem geringsten Preisunterschied in China ein und schert sich nicht um deutsche Arbeitsplätze. Der Preis muss stimmen, sonst läuft nichts! Die Welt um uns herum bewegt sich ganz anders, als wir es wahrhaben wollen. Es gibt keinen Weg zurück zur Idylle unter dem Mond von Wanne-Eickel. Wir sind aber doch nicht verloren. In unserem Land, in unseren Menschen steckt eine ungeheure Kraft. Diese Kraft muss nur mobilisiert werden. Ablenkungsmanöver und allgemeine Beschimpfungen helfen da wenig.
Auch wir bei Siemens sind stolz, wenn wir vielen jungen Menschen in Deutschland einen neuen Job geben können. Letztes Jahr waren es - einschließlich der neu eingestellten Auszubildenden - fast 10.000. Wir sind auch stolz, wenn wir bei Siemens die Zahl der Beschäftigten im Inland unter schwierigen Bedingungen in letzter Zeit konstant bei über 160.000 halten konnten. Aber wir wissen: Wer alles so lassen will, wie es ist, wird auch das verlieren, was er bewahren will. Unsere Chancen liegen darin, dass wir unsere Kosten in den Griff bekommen. Die Agenda 2010 der Bundesregierung findet sich - abgewandelt auf betriebswirtschaftliche Erfordernisse - auch in den Unternehmen wieder. Jeder weiß aber, dass das nicht reicht.
Wir müssen unsere Innovationskraft stärken
Wir werden den globalen Kostenwettbewerb nicht gewinnen. Deshalb müssen wir unsere Innovationskraft stärken. In den Unternehmen, vor allem aber auch in unserem ganzen Land. Aber auch da schlafen die anderen nicht. Wir stehen in einem internationalen Wettbewerb um das beste und effizienteste Bildungssystem. Hier wird über die Zukunft unseres Landes entschieden, über Wohlstand und Freiheit unserer Kinder und Enkelkinder.
Also: Bitte nicht ablenken von den eigentlichen Problemen unseres Landes. Auch nicht mit überzogener Kritik an der Deutschen Bank. Wir brauchen ein global erfolgreiches Bankinstitut. Das wird die Deutsche Bank aber nur, wenn sie ihre Erträge deutlich steigert und darauf aufbauend organisch und durch Akquisitionen weiter wächst. So wie es ihre weltweiten Konkurrenten vormachen. Herrn Ackermann zum Buhmann der Nation machen zu wollen ist erbärmlich.
Heinrich von Pierer war von 1992 bis Januar 2005 Vorstandsvorsitzender von Siemens. Seitdem ist er Vorsitzender des Aufsichtsrats.
  • Aus der FTD vom 03.05.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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