Heiner Flassbeck ist Chefvolkswirt der Unctad in Genf.Friederike Spiecker ist Ökonomin und Wirtschaftspublizistin
Scheinbar steckt die Europäische Zentralbank (EZB) in einem Dilemma: Die Konjunktur schwächt sich ab, aber die Preise steigen stärker als zuvor und stärker, als es dem Inflationsziel der EZB entspricht. Erhöht die Notenbank die Zinsen nicht, öffnet sie - so ihre eigene Wahrnehmung - der Inflation Tor und Tür. Erhöht sie die Zinsen, würgt sie die bereits im Straucheln befindliche europäische Konjunktur ab. Was tun? Erhöhen, senken, abwarten?
Die Antwort ist einfach, doch eine EZB, die auf Inflation und "nur Inflation" fixiert ist, kann oder will sie nicht geben. Jede vorübergehende Angebotsverknappung oder Nachfrageausweitung führt zu einer Preissteigerung und damit zu einer Verschiebung der Preisrelationen zwischen verschiedenen Gütern. Sie führt aber nicht zu einer dauerhaften Inflation, die man durch Zinssteigerungen bekämpfen müsste.
Das gilt in gleicher Weise, wenn, wie wir es derzeit beobachten, die Rally bei den Rohstoffpreisen Otto Normalverbraucher Kaufkraft entzieht und diese größtenteils an Spekulanten umverteilt. Auch hilft eine Zinsanhebung überhaupt nicht gegen die Spekulation: Wer Ackermann'sche Traumrenditen von 25 Prozent im Spekulationskasino zu erzielen versucht, den interessiert die Frage, ob er sich zu 4 oder 4,25 Prozent refinanzieren muss, einfach nicht. Folglich werden höhere Zinsen die Spekulationen und die von ihnen hervorgerufenen Preissteigerungen nicht beenden.
Natürlich kann eine Zentralbank durch entsprechend hohe Zinsen die Preissteigerungsrate auch bei verrückt spielenden Rohstoffmärkten auf zwei Prozent drücken. Dafür muss sie die Konjunktur so abwürgen, dass die Unternehmen wegen sinkender Nachfrage die Rohstoffpreissteigerungen nicht voll an die Verbraucher weitergeben können; oder andere Unternehmen trotz unveränderter Kostensituation ihre Preise senken müssen - mit allen negativen Folgen für Investitionstätigkeit und Arbeitsplätze. Dann mag beim Gesamtindex wieder die Zielinflationsrate herauskommen. Nur: Wer außer der "Glaubwürdigkeit" einer auf einen solchen Index fixierten Zentralbank hat davon einen Nutzen?
Zinssteigerungen treffen nicht in erster Linie diejenigen, die an den Finanzmärkten pokern, sondern Sachinvestoren - also all die Investoren, die an den Güter- und Arbeitsmärkten ihr Brot verdienen. Ihnen jetzt den Hahn zuzudrehen würde bedeuten, all jene, die schon unter dem Spekulantentum leiden, hierzulande ein drittes Mal zur Kasse zu bitten: erst mit Steuergeldern für die Sanierung der Banken, die durch Immobilienspekulationen marode geworden sind; dann mit Realeinkommensverlusten wegen steigender Lebenshaltungskosten durch Rohstoffspekulationen; und nun auch noch mit einem erhöhten Arbeitsplatzrisiko, das eine - dank Zinsanhebung - lahmende Konjunktur mit sich bringt.
Es ist ohnehin ein Skandal, dass diejenigen, die nicht reich oder clever genug sind, am weltweiten Spekulationskasino teilzunehmen, trotzdem gezwungen sind, auf den von Spekulationen gebeutelten Märkten - wie im Fall der Nahrungsmittel - zu exorbitanten Preisen einzukaufen. Oder, wenn sie sich das wie in vielen armen Ländern nicht mehr leisten können, zu hungern.
Die Preise können sich schneller normalisieren, wenn das Angebot durch Investitionen erhöht wird. Wenn die EZB diese Möglichkeit nun noch verteuert, tut sie genau das Gegenteil des Vernünftigen.