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Merken   Drucken   24.09.2008, 11:00 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Fjodor Lukjanow - Moskau agiert auf eigene Faust  

Nach dem Krieg im Kaukasus hat Russland seine Westorientierung endgültig aufgegeben. Stattdessen wird das Land als eigenständiger Akteur auftreten - und sein Einflussgebiet verteidigen. von Fjodor Lukjanow
Der Kaukasuskrieg hat alle Widersprüche, die Unzufriedenheit und die inneren Spannungen aufgedeckt, die sich in der postsowjetischen Zeit angestaut haben. Russlands Präsident Dmitri Medwedew stellte bereits fest, dass der Krieg eines endgültig deutlich gemacht hat: Die Vorstellung von einem zuverlässigen System der internationalen Sicherheit ist eine Illusion.
Welche Schlüsse lassen sich daraus heute ziehen?
Erstens: Die Unterschiede in der Wahrnehmung sind größer als bei allen früheren Differenzen zwischen Moskau und den westlichen Staaten. In Russland ist zum ersten Mal seit Langem ein nahezu vollkommener Konsens bei der Bewertung der Ereignisse im Kaukasus zu erkennen. Die große Mehrheit der Bürger betrachtet die Reaktion der russischen Führung als notgedrungen (es hätte keine andere Wahl gegeben) und sowohl politisch als auch moralisch und sogar juristisch gerechtfertigt.
Zugleich ist die russische Öffentlichkeit ernsthaft schockiert darüber, dass der Westen den georgischen Staatschef Michail Saakaschwili einstimmig unterstützte - obwohl dieser alle zivilisierten Verhaltensnormen verletzt habe. Für die russischen Politiker und Bürger offenbaren sich darin nicht nur doppelte Standards, wie es sie überall in der Politik gibt. Sie sehen dahinter blanken Zynismus jenseits der Grenzen der üblichen politischen Praxis.
Zweitens: Vor diesem Hintergrund zeichnet sich ein konzeptioneller Wandel in der russischen Außenpolitik ab. Das strategische Ziel Wladimir Putins während seiner Präsidentschaft war die Integration in das internationale wirtschaftliche und politische System - trotz der zunehmenden Komplikationen in den Beziehungen mit dem Westen. Die Bedingungen dieser Integration veränderten sich, die Anforderungen wuchsen, doch das Ziel blieb.
Jetzt sieht es so aus, dass statt der in den letzten 15 Jahren so gern und vielfach verkündeten "strategischen Partnerschaften" nun eine strategische Eigenständigkeit Vorrang hat. Der Plan, in so viele Strukturen wie möglich eingebunden zu werden, wird nicht weiterverfolgt. Stattdessen wird klar und deutlich das Ziel formuliert, den eigenen Einflussbereich auszuweiten, um die Position eines "unabhängigen Pols" zu festigen.
Diese Formel hat zwar keine antiwestliche Ausrichtung, doch die Politik orientiert sich auch nicht mehr nach Westen. Mit anderen Worten: Sie wird nicht mehr daran gemessen, wie sie sich auf die Beziehungen zu Europa und den USA auswirkt.
  • Aus der FTD vom 24.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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