Vor einer Weile stolperte ich bei der Lektüre der Financial Times über ein Foto, bei dem ich mich fast an meinem Caffè Latte verschluckt hätte. Es war ein Bild von Fernando Rodés, dem neuen Chef des französischen Werbekonzerns Havas. Rodés weist den dramatischsten Bart auf, der mir seit Professor Dumbledore in den "Harry Potter"-Verfilmungen untergekommen ist.
Natürlich gab es schon immer einige erfolgreiche bärtige Geschäftsleute - etwa (den Virgin-Gründer) Richard Branson oder (den Oracle-Gründer) Larry Ellison -, und in den 70er Jahren sah es bei Vorstandssitzungen zeitweilig aus wie beim Filmcasting für "Planet der Affen". Aber seit ein paar Jahrzehnten ist der Bart ab. 2001 bezeichneten in einer Umfrage unter britischen Führungskräften nur vier Prozent Stoppeln als Vorteil. Ist Rodés also ein Vorreiter? Erleben wir womöglich das Comeback der Gesichtsbehaarung in der Unternehmenswelt?
Ich ließ mich auf einen Selbstversuch ein und hörte auf, mich zu rasieren. Während ich darauf wartete, dass mein Bartschatten zu etwas Vernünftigem heranwuchs, stellte ich einige Nachforschungen an. Die erste überraschende Erkenntnis war, wie ernst einige Bartträger ihren Gesichtsteppich nehmen. Es gibt Bart-Websites, Bart-Clubs, die nationale Bart-Woche, Bart-Partys, den Weltverband der Bärte und Schnurrbärte sowie alle zwei Jahre eine Bart-Weltmeisterschaft. Was für ein Schock. Ein Bart, so ein begeisterter Bürstenträger, ist etwas fürs Leben.
Gesichtszottler fühlen sich in die Ecke gedrängt
Doch je tiefer ich in die Materie eindrang, desto mehr verstand ich, weshalb die Gesichtszottler sich so in die Ecke gedrängt fühlen - Bärte haben eine echt miserable Presse. In nur fünf Artikeln zum Thema kam mir eine Reihe wildester Theorien unter, etwa die, dass Männer sich einen Bart stehen lassen, um etwas zu verbergen (ein schwaches Kinn, ein Doppelkinn), dass Bärte Männer nicht vertrauenswürdig wirken lassen, und dass keine Frau mit einem Funken Verstand einen bärtigen Mann je attraktiv finden könnte. "Das ist, als ob man einen Topfschrubber knutscht", sagt eine Journalistin über das Gefühl, einen Mann mit Schnurrbart zu küssen.
Unglücklicherweise ist die Geschäftswelt genauso pogonophob wie die Medien. Zahllose Auseinandersetzungen zwischen Arbeitgebern und Rauschebärten haben Schlagzeilen gemacht. Die Supermarktkette Waitrose stellt für bestimmte Aufgaben keine Bärtigen ein, Sender belegen männliches Personal, das vor der Kamera auftritt, mit Rasierzwang, und beim britischen Feriencampbetreiber Butlins ist das Gesicht stoppelfreie Zone.
Unerwünschte Kommentare sind die schlimmsten
Die Begründungen für derartige Diskriminierungen sind meist so wenig beeindruckend wie der Möchtegern-Schnauzer eines 13-Jährigen. Ein Bart sei "unhygienisch", heißt es. Dieser Logik folgend müssten doch auch Augenbrauen und Koteletten abrasiert werden, oder? Dann gibt es immer wieder den Vorwurf, dass die Öffentlichkeit Bärte nicht ansprechend findet. Ein genauerer Blick auf die Umfragen allerdings zeigt, dass viele Studien von Rasierklingenherstellern in Auftrag gegeben wurden. Als neutrale Beobachter gehen diese wohl kaum durch.
Während meine Stoppeln langsam zu einem Bart heranwuchsen, bekam ich Mitleid mit den Hirsuten und freute mich schon sehr darauf, die vielen Gründe dafür aufzuführen, weshalb Bärte eine wunderbare Sache sind. Nach zehn Tagen war mir aber leider immer noch nichts eingefallen. Trotz allem guten Willen hasste ich meinen Bart dafür, mich wie eine kantige asiatische Ausgabe von Friedrich Nietzsche aussehen zu lassen, dafür, dass immer wieder Essen darin hängen blieb, und für dauernde unaufgeforderte Kommentare der Kollegen. Zitat gefällig? "Er betont nicht deine positiven Seiten" (soll wohl heißen, mein Gesicht gehöre nicht zu meinen positiven Seiten) oder "Grundsätzlich finde ich, dass Bärte am besten bei Männern mit dünnen Gesichten aussehen" (ach, und ich habe ein Mondgesicht?). Das einzig positive Feedback kam von meiner Mutter, die es als Signal meiner Rückkehr zur Sikh-Religion wertete. Meine Hochzeit mit einem Landmädel aus dem Punjab rückte näher.
Lieber jeden Morgen zur Klinge greifen
Von allen negativen Aspekten waren die unerwünschten Kommentare die schlimmsten. Es heißt, in der Geschäftswelt werden Männer weniger stark als Frauen nach ihrem Aussehen beurteilt, aber paradoxerweise scheint das genaue Gegenteil der Fall zu sein, sobald die Männer etwas an sich ändern. Bartträger sagen, sie würden durch das Nichtrasieren 3000 Stunden Zeit einsparen. Das Problem ist nur, dass dann mindestens genauso viel Zeit dafür draufgeht, auf bartbezogene Kommentare zu reagieren. Dann doch lieber jeden Morgen der Griff zur Klinge.
Das soll nicht heißen, dass aus meiner Sicht Bärte nicht manchmal wertsteigernd sein können. Sie lassen einige Leute wild aussehen (Rasputin), geheimnisvoll (Che Guevara), radikal (Fidel Castro) oder tiefsinnig (Gott). Diese Eigenschaften werden jedoch in den wenigsten Firmen geschätzt, und die meisten Männer sehen mit Bart einfach unordentlich aus.
Obwohl immer wieder von Vielfalt die Rede ist, sind Unternehmen in der Praxis alles andere als vielfältig. Sie wollen, dass ihre Mitarbeiter konform sind, die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise sehen und selber auch einheitlich aussehen. Was Gesichtsbehaarung anbelangt, bedeutet das, dass man mit einer sauberen Rasur eigentlich nichts verkehrt machen kann. Normalerweise bin ich niemand, der gerne schnelle Vorhersagen abgibt, aber ich schätze, in einem Jahr wird entweder Rodés oder sein Bart von der Bildfläche verschwunden sein.
Sathnam Sanghera ist Kolumnist der Financial Times.