Alan Greenspan war von 1987 bis 2006 Chef der US-Notenbank.
Die Überraschung der vergangenen Monate ist nicht, dass sich das Wachstum verlangsamt. Sondern dass es überhaupt noch Wachstum gibt. Die Kreditklemme des vergangenen Jahres folgte nicht dem Pfad anderer ökonomischer Krisenphasen der jüngeren Vergangenheit, als die Liquidität zeitweilig einfror - man erinnert sich an 1982, 1989 oder 1997/98. Diese Krise ist anders - ein Ereignis, wie es ein oder zweimal pro Jahrhundert vorkommt, tief verwurzelt in den Ängsten vor der Insolvenz großer Finanzinstitutionen.
Sie wurde nicht dadurch beendet, dass die Zentralbanken riesige Dosen kurzfristiger Liquidität injizierten. Erst als staatlicher Kredit an die Stelle von privatem Kredit privater Banken trat, zunächst im Fall der britischen Bank Northern Rock, dann in den USA im Fall Bear Stearns, wurde ein Anschein von Stabilität an den Märkten wiederhergestellt.
Doch die Kosten für die mittelfristige Geldbeschaffung unter Banken und für Kreditausfallversicherungen, Credit Default Swaps (CDS), von Finanzinstituten sind noch nicht auf die moderaten Niveaus zurückgekommen, die sie vor der Krise hatten. Dies ist an der Differenz zwischen dem Londoner Interbankensatz Libor und den sogenannten Overnight Index Swaps abzulesen. Insolvenzängste sind bisher nicht vollständig ausgeräumt. Es kann sein, dass eine Reihe von Banken und anderen Finanzinstitutionen am Rande der Zahlungsunfähigkeit von den Regierungen gerettet werden.
Die Aktienkurse bestimmen über die Stabilität
Die Insolvenzkrise wird erst zu einem Ende kommen, wenn sich die Häuserpreise in den USA stabilisieren und deutlich wird, wie viel Eigenkapital in den Häusern noch steckt - die wichtigste Sicherheit für einen Großteil der hypothekenbesicherten Wertpapiere in der Finanzwelt. Die US-Häuserpreise werden sich aber erst stabilisieren, wenn die Absorption jenes gewaltigen Überhangs an leer stehenden Einfamilienhäusern, der mit dem Höhepunkt des amerikanischen Häuserbooms 2006 entstanden ist, weiter fortgeschritten ist als jetzt. Derzeit werden kaum mehr neue Einfamilienhäuser fertiggestellt, als der Nachfrage durch neu gebildete Haushalte und durch Ersatz alter Häuser entspricht. Erst später im Verlauf dieses Jahres wird sich das reduzierte Niveau neu begonnener Hausbauten in einer Zahl von Fertigstellungen niederschlagen, die damit vereinbar ist, dass der Bestandsüberhang mit schnellem Tempo abgebaut werden kann. Dabei ist natürlich unterstellt, dass die Nachfrage nach Häusern auf aktuellem Niveau stabil bleibt.
Bis dahin werden aus meiner Sicht die weltweiten Aktienkurse bestimmen, ob das internationale Finanzsystem ein gewisses Maß an Stabilität wahren kann, während es sich aus der Kreditklemme löst, oder ob es in eine neue Phase von Angst und Turbulenzen zurückfällt.
Das Argument für ein optimistisches Szenario ruht auf der Unternehmenswelt außerhalb des Finanzsektors. Vor dem Hintergrund der massiven Störungen der Finanzintermediation haben sich die Unternehmen außerhalb des Finanzsektors überraschend gut gehalten. Sie haben einen Strom von Gewinnen geliefert, der half, den angespannten weltweiten Aktienmarkt zu stützen. Sicher: Die Aktienkurse sind von ihrem Höchststand im Oktober 2007 um ein Fünftel gefallen. Aber sie bewegen sich immer noch auf einem Niveau, das zuletzt 2006 gesehen wurde, einer Periode, die nachweislich weniger von Ängsten geplagt war als die jetzige.