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Merken   Drucken   19.05.2005, 09:19 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Haftung für die Presse  

Der Fall "Newsweek" zeigt eine gefährliche Abart des Journalismus: Die Überzeugung ersetzt die Überprüfung. Auch Medien müssen stärker für ihre Produkte einstehen. von Hans Wagner
Es war nur eine kleine Meldung im renommierten US-Magazin "Newsweek": Eine interne militärische Untersuchung habe die Schändung des Korans im Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba aufgedeckt; in einem Fall sei ein Koranexemplar in die Toilette gespült worden. Die Wirkung der Meldung war gewaltig und katastrophal.
Die Nachricht entfesselte wütende antiamerikanische Ausschreitungen in der islamischen Welt. Von 17 Toten und mehr als 100 Verletzten in Afghanistan wird berichtet. Der Chefredakteur von "Newsweek", Mark Whitaker, hat zunächst Fehler eingeräumt und dann die ganze "ursprüngliche Geschichte" zurückgezogen. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters erklärte er: "Ob so etwas jemals passierte, wir wissen es einfach nicht. Wir sagen nicht, es ist auf jeden Fall passiert. Aber wir können auch nicht sagen, dass es auf keinen Fall passierte."
So verklausuliert kann man ein journalistisches Desaster zudecken. Denn im Klartext heißt das doch: Wir wissen gar nichts. Vor allem wissen wir nichts Genaues. Trotz alledem wurde die "Geschichte" publiziert. Das kann man, je nach Belieben, als Verdachts-, Vermutungs- oder Spekulationspublizistik bezeichnen.
Diese Abart des Journalismus beruht zunächst auf einem flagranten Verstoß gegen ein hehres journalistisches Prinzip, das vor Zeiten den Titelkopf der "New York Times" zierte: "All the News That’s Fit to Print!"
"Fit to print" ist eine Nachricht erst, wenn ihr Tatsachengehalt belegt oder eindeutig bezeugt ist; wenn die Zuverlässigkeit der Quelle und ihre Kompetenz geprüft und als belastbar befunden wurden. Die Berufung auf "gewöhnlich gut unterrichtete Kreise" genügt da nicht, gleichgültig, welchen Radius sie haben. Informationen aus erster Hand unverzichtbar Je brisanter der Nachrichtengehalt ist, umso glaubwürdiger sollte die Quelle sein. Wenn sich aber nachträglich, also bei hartnäckigerem Nachbohren, herausstellt, dass die "gut unterrichtete" Quelle gar keine Kenntnis aus erster Hand hatte, dass eine Bestätigung nicht vorliegt oder dubios ist, so handelt es sich um gravierende Kunstfehler, die man keinem Volontär durchgehen lassen darf.
Warum aber machen Vollprofis solche Fehler?
Häufig rechtfertigen Medien und Journalisten ihre Kunstfehler mit Marktzwängen, mit der Notwendigkeit, der Konkurrenz zuvorzukommen. Aber das ist vordergründig. Die wohl zutreffende Antwort reißt eine viel tiefere Dimension dieses journalistischen Desasters auf. Eine Geschichte wie die der Koranschändung in Guantanamo wird nämlich schon dann und ohne viel Belege glaubwürdig, wenn man im Innersten davon überzeugt ist, dass man "denen da oben" in der Regierung, beim Militär oder dass man dem Wachpersonal in den Lagern so etwas zutrauen kann.
Die Überzeugung ersetzt die Überprüfung. Die Gefahr eines solchen journalistischen Desasters besteht immer dann, wenn man ungeprüft etwas übernimmt oder Fakten ignoriert, "damit eine Geschichte zu den eigenen ideologischen Vorurteilen passt", schrieb ein Altmeister der Recherche, Dagobert Lindlau, seinen Kollegen im deutschen Fall Sebnitz ins Stammbuch. Auch damals suggerierte der Zeitgeist, man dürfe den rechtsextremen Kahlschädeln alles zutrauen. Das gilt entsprechend auch hier. So werden Journalisten zu Gesinnungstätern. Gesinnungsbestimmte Vermutungspublizistik Die Folgen einer derart gesinnungsbestimmten Vermutungspublizistik sind verheerend. Denn diese Folgen sind immer real, unabhängig davon, ob die auslösende Nachricht über eine objektiv feststellbare Realität berichtet oder bloß eine Fiktion transportiert. Wie sonst selten demonstriert der Fall "Newsweek" also geradezu handgreiflich, dass Nachrichten Wirkungen haben, dass Medien mächtig sind. Ein verantwortungsorientierter Journalismus hätte diese Folgen und Wirkungen von vornherein zu bedenken. Denn auch im Journalismus kann man den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht einfach negieren. Darum ist es fraglich, ob die Meldung von der Koranschändung, selbst wenn sie richtig wäre, zu diesem Zeitpunkt überhaupt publikationsreif war. Denn eine journalistische Enthüllung von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit, die selbst Menschenleben gefährdet und über Leichen geht, führt sich ad absurdum.
Die Wirkungsdimension des Desasters weckt auch Zweifel, ob es genügt, einen als falsch erkannten Beitrag zurückzuziehen und Worte des Bedauerns für die Opfer zu äußern. Man kann eine Meldung zurücknehmen, aber nicht die Toten auferwecken. Darum müssen auch die nicht selten gedankenlosen Entschuldigungsfloskeln durch die erkennbare Bereitschaft beglaubigt werden, verantwortlich einzustehen für das, was mit einer falschen Nachricht angerichtet wurde. Das heißt nichts anderes als: Auch der Journalist haftet für sein Produkt. Wie der Fall zeigt, muss um diese Haftung des Journalisten ernsthaft gerungen werden, weil sonst sehr leicht und sehr schnell aus einem journalistischen ein gesellschaftliches Desaster werden könnte.
Hans Wagner war Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
  • Aus der FTD vom 19.05.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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