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Merken   Drucken   14.09.2008, 12:00 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Harold James - Browser-Revolution, die zweite  

Microsoft verdankt seine Position einem problematischen Wettbewerbsrecht. Googles Browser Chrome könnte hier Auswege zeigen. von Harold James
Harold James ist Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen an der Universität Princeton und Professor am European University Institute in Florenz. www.project-syndicate.org.
Zehn Jahre nach seiner Gründung droht Google, den "Browserkrieg" der 90er-Jahre neu zu entfachen. Damals erledigte Microsofts Internet Explorer seinen Rivalen, den Netscape Navigator. Diesmal ist es Googles Chrome, der verspricht, das gesamte Wirtschaftsmodell umzuwerfen, das der Softwarebranche zugrunde liegt - und zwar nicht nur aufgrund seiner technischen Innovation, die verschiedensten Arten von Software mit einem Internetbrowser zu verknüpfen. Vielmehr macht es hiermit zugleich ein Programm wie Windows unnötig, das bisher den Zugriff auf alle Arten von Software regelte.
Googles neue Technologie ist beeindruckend und wird sich für viele Nutzer als komfortabel erweisen. Der eigentliche Durchbruch aber liegt in einem anderen Punkt: Chrome bietet einen völlig neuen Ansatz gegen ein Dilemma, das durch die Wettbewerbspolitik in den USA und der EU entstanden ist.
Microsofts Internet Explorer konnte den Netscape Navigator Mitte der 90er verdrängen, weil das Programm Windows die Software der überwältigenden Mehrheit aller PC war. Die Möglichkeit zur Bündelung von Betriebssystem und Software erleichterte dem Normalverbraucher das Leben erheblich.
Microsoft profitiert von IBM-Rechtsstreit
Microsofts Vorteil und sein Geschäftsmodell gehen auf einen lang andauernden Rechtsstreit zurück. Software war ursprünglich keine Massenware, die gekauft werden konnte, sondern eine Dienstleistung. IBM baute eine enorme Vorherrschaft auf, weil das Unternehmen ein sorgfältig auf den Nutzer zugeschnittenes und speziell angepasstes Paket vermietete. IBM verkaufte nichts, weder Computer noch Software. Das Mietmodell des Konzerns schien die gesamte Rechtsphilosophie der US-Wettbewerbspolitik infrage zu stellen, die in der Ära des New Deal entstanden war.
Präsident Franklin Roosevelt wollte seinerzeit die US-Wirtschaft durch festgelegte Preise kontrollieren. Als der Supreme Court diesen Ansatz verwarf, begann die Regierung, durch Wettbewerbspolitik die Stellung marktbeherrschender Unternehmen anzufechten.
Entsprechend dieser Philosophie leitete das US-Justizministerium 1969 eine umfassende Untersuchung gegen IBM ein, das damals mit seinem System S/360 den EDV-Sektor für Unternehmen revolutionierte. Der Fall zog sich bis 1982 hin und wurde schließlich verworfen. Doch während das Verfahren weiterhin drohte, wurde IBM nervös und verabschiedete sich von seinem Geschäftsmodell. Microsofts gegenwärtige Marktstellung ist eine direkte Folge dieses alten Kartellverfahrens gegen IBM.
Natürlich geriet Microsoft selbst in rechtliche Schwierigkeiten, als es IBMs vormals marktbeherrschende Stellung übernahm. Und es führte lang andauernde Prozesse auf beiden Seiten des Atlantiks.
  • FTD.de, 14.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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