Heidemarie Wieczorek-Zeul ist Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Die Finanzkrise zieht bedrohliche Kreise. Namhafte Ökonomen gehen davon aus, dass in den USA, in Europa und in Japan ein Abschwung nicht mehr zu vermeiden ist. Norbert Walter, der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, kommentiert lakonisch: Es ist zu viel schiefgegangen.
Die internationale Gemeinschaft muss Rettungsmaßnahmen in Höhe von mehreren Hundert Milliarden Euro stemmen. Auch die Bundesregierung hat in Absprache mit den europäischen Partnern ein Hilfspaket beschlossen. Insgesamt geht es jetzt um ein Vielfaches der internationalen Mittel für den Kampf gegen die Armut. Diese Dimensionen zeigen: Wir haben es mit einem gigantischen Marktversagen zu tun.
Im Jahr 2006 stellte der britische Ökonom Sir Nicholas Stern fest, dass es sich beim Klimawandel um das größte Marktversagen aller Zeiten handelt. Die Finanzkrise ist also schon die zweite große Katastrophe, die die freien Märkte innerhalb von kurzer Zeit angerichtet haben. Über mehr als eine Dekade haben die Regierungen vieler Länder fast schon blauäugig an die Selbstheilungskräfte des Marktes geglaubt. Sie haben Politik für Märkte gemacht. Unsere Aufgabe ist es jedoch, Politik für Menschen zu machen, nicht für Märkte.
Nun ist klar: Die Regierungen müssen handeln. Staatliche Interventionen dürfen sich aber nicht darauf beschränken, das Finanzsystem durch Geldspritzen am Leben zu halten. Wir müssen aus dem Marktversagen lernen und Lösungen finden, die über Krisenmanagement hinausgehen. So wichtig die finanzielle "Nothilfe" ist, so wenig werden diese Rettungsaktionen künftigen Finanzkrisen dauerhaft vorbeugen.
In der globalisierten Welt machen Finanzströme nicht an Grenzen halt. Die Krise, die in den USA begann, wirkt sich auf Europa, Asien und Afrika aus, auf Industrieländer, Schwellenländer und Entwicklungsländer. Für mich ist klar: Wir müssen verhindern, dass auch diejenigen, die am wenigsten zum Scheitern der Finanzmärkte beigetragen haben, unter der Krise leiden.
Entwicklungsländer verfügen über geringe finanzielle Ressourcen. Sie sind nicht in der Lage, in Schwierigkeiten geratene Finanzinstitute staatlich zu stützen. Zugleich benötigen sie Investitionen und ein funktionierendes Finanzsystem, damit ihre Wirtschaft wächst. Entwicklungsländer sind also in besonderem Maße auf stabile Finanzmärkte angewiesen.