Heiner Flassbeck ist Chefökonom der Unctad in Genf.
Nun schon rächt sich bitter, dass Deutschlands Politiker bei der Suche nach Antworten auf die wichtigsten Fragen zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise lieber auf den Rat von Beamten oder Küchenkabinetten hören, als sich auf eine breite und offene Diskussion zu stützen. Zwar sollten sie am Ende eindeutig Position beziehen. Aber durch ein festes Vorurteil gleich zu Anfang jede Auseinandersetzung rundheraus zu vereiteln, ist gefährlich. Schon in wenigen Monaten wird klar sein, dass die politisch Verantwortlichen fundamental falsch gelegen haben. Und das wird ihrer Glaubwürdigkeit nicht guttun.
Finanzminister Peer Steinbrück und Bundeskanzlerin Angela Merkel warnen vor Inflation und der Gefahr einer neuen Krise, verursacht durch hohe Staatsschulden und eine ungeheure Geldvermehrung. Da beide zuvor vielfach kundgetan haben, dass sie an die Liquiditätstheorie als Erklärung für die aktuelle Krise glauben - also an die These, dass es US-Notenbankchef Alan Greenspan mit seiner laxen Geldpolitik war, der das globale Zocken erst ermöglicht hat - ist es konsequent, vor zu viel neuem Geld zu warnen.
Dagegen steht allerdings die von der japanischen Erfahrung der 90er-Jahre geprägte Deflationsthese. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die tiefe Rezession und die steigende Arbeitslosigkeit einen so großen Druck auf die Löhne ausüben werden, dass die Inflationsrate, die wegen fallender Rohstoffpreise ohnehin massiv unter Druck ist, auch langfristig in den negativen Bereich geraten könnte.
Hinter der Inflationsthese steht offensichtlich der alte monetaristische Glaube, "zu viel Geld auf der Jagd nach zu wenigen Gütern" werde immer und automatisch zu hohen Preissteigerungsraten führen. Das Problem ist nur, dass wir im Vorhinein niemals wissen, was "zu viel Geld" ist. Wenn die Banken sich gegenseitig kein Geld mehr leihen, muss die Zentralbank eben jeder einzelnen Bank so viel Geld geben, wie sie für ihre Transaktionen braucht. Das ist sehr ineffizient, und deswegen braucht man sehr viel mehr Geld als bei einem normal funktionierenden Bankenmarkt, aber ohne dass es in irgendeiner Weise "zu viel Geld" wäre.
Primitiver Monetarismus
Auch mit den Staatsschulden ist die Sache nicht ganz so einfach. Warum sollte aus einer höheren staatlichen Verschuldung und mehr staatlicher Nachfrage mehr Inflation entstehen, wenn gleichzeitig die Wirtschaft am Boden liegt, weil die privaten Haushalte und die Unternehmen bedeutend weniger Güter nachfragen?
Offenbar kann doch nur "zu viel Gesamtnachfrage" eine Inflation erzeugen, nicht aber die hohe Nachfrage eines Sektors alleine. Hätten wir schon bald zu viel Nachfrage zu erwarten, bräuchten wir uns um die Zukunft der Weltwirtschaft ja keine Gedanken mehr zu machen. Inflationsbekämpfung ist den Zentralbanken schon immer leicht von der Hand gegangen; Schwierigkeiten hatten sie bisher nur im umgekehrten Fall mit Deflation. Mit anderen Worten: Der primitive hydraulische Monetarismus, an den die deutschen Spitzenpolitiker und ihre Berater immer noch glauben, ist ohne jede logische Basis.