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  05.07.2009, 10:00    

Gastkommentar: Hilfe, ich bin ein Besserverdiener

Zur starken Schulter wird man in Deutschland schneller, als man denkt. Von da an ist der Spaß vorbei. Man darf rackern und zahlen.

von Ralf Schuler
Ralf Schuler ist Ressortleiter Politik/Spezial bei der "Märkischen Allgemeinen".
Ich gebe es zu: Ich bin ein Besserverdiener. Das Leben habe ich bisher als eine Art permanenten Schiffbruch gesehen. Irgendwann nach dem Abitur versinkt das elterliche Versorgungsschiff in der Ferne, dann heißt es schwimmen, durchziehen, bis man die rettende Insel erreicht hat, ein neues Schiff für die Familie bauen, in See stechen ... Leider ist das mit dem Schwimmen nicht ganz so einfach. Je näher man der Insel kommt, desto aufdringlicher werden die Verfolger. Da schnappen die Finanz-Haie von der Linken nach den Schwimmflossen, und jetzt ist auch noch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hinter mir her.
Keiner weiß, ab wann genau einer ein Besserverdiener ist. Ab einem Jahreseinkommen von 53.000 Euro kann man sich aber sicher sein: Von da an greift der Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Besonders reich fühlt man sich nicht als Lehrer oder Abteilungsleiter, viele merken noch nicht einmal, dass von nun an sie gemeint sind, wenn in Talkshows die Rede davon ist, dass endlich Schluss sein müsse mit der Umverteilung von unten nach oben.
Wer raffiniert ist und sein zu versteuerndes Einkommen noch etwas herunterrechnet, kann seinen Besserverdiener-Status vielleicht noch eine Weile verstecken. Doch so ab 80.000 Euro Jahresbrutto wird es langsam eng. Dann kommt man um dies Brandzeichen nicht mehr herum. Spätestens jetzt ist man "oben", eine "starke Schulter", die mehr tragen muss als all die anderen schwachen Schultern.
Von nun an ist man gemeint, wenn Politiker wie Böhmer (CDU) oder Hubertus Heil (SPD) den Spitzensteuersatz anheben wollen. Die Politik, die sonst vor allem die "schwachen Schultern" im Blick hat, kümmert sich auf einmal wieder liebevoll: Sie sorgt dafür, dass man als Besserverdiener ausdrücklich nicht im gleichen Maß wie andere profitiert, wenn zum Beispiel Kassenbeiträge von der Steuer abgesetzt werden können.
Als Besserverdiener zahlt man in der Kita und beim Schulgeld den nach Einkommen gestaffelten Maximalbetrag. Staatliche Zuschüsse sind sowieso gestrichen. Selbst wenn ein Kind eine Lernbehinderung hat, trägt man 3000 Euro Therapiekosten im Jahr selbst - kein Problem für eine starke Schulter. Weil die Mutter der drei Kinder nicht arbeiten kann, sorgt man mit einem Riester-Vertrag und einer Berufsrentenversicherung vor. Denn trotz maximaler Einzahlung wird die staatliche Rente eben nicht ausreichen. Und die jährliche Steuerrückerstattung geht komplett für die Vorsorgeversicherung der Kinder drauf, denn als Nachkommen starker Schultern werden sie kein Bafög bekommen.
Die Motivation leidet
Immerhin kann man sich damit trösten, dass man wenigstens die Chance hat, für all das, für sich und seine Familie, zu arbeiten. Man wird sich aber nicht damit abfinden, dass trotz all der Abgaben bei Musikschulen gekürzt wird und Sozialpädagogen an den Schulen gestrichen werden. Man wird auch nicht akzeptieren, dass Hartz IV plus Schwarzarbeit zu einem auskömmlichen Modell geworden ist.
Die Evolutionsbiologie ist sehr effizient. Fähigkeiten, die eine Art nicht mehr benötigt, werden zurückgebildet: Ein Kind, das bei jedem Stolpern aufgehoben wird, verlernt das Aufstehen, Giraffen bekommen kurze Hälse, wenn sie sich nicht mehr nach hohen Bäumen recken müssen. In einer Gesellschaft gibt es zwei Wege, um Menschen zu demotivieren: Jemand tut nichts und kommt damit gut über die Runden. Oder jemand rackert sich ab und bekommt vom Ertrag immer mehr abgenommen. Ersteres Verhalten ist logisch und bequem, letzteres unlogisch und bekloppt.
  • FTD.de, 05.07.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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