In der Retrospektive sind wir alle überrascht, dass es so weit kommen konnte, aber seien wir ehrlich: Die warnenden Stimmen, selbst von Insidern wie George Soros, waren seit Langem vorhanden. Auch das World Economic Forum warnte in seinem "Global Risk Report", der Anfang 2007 veröffentlicht wurde, genau vor diesen Risiken, die jetzt zum Zusammenbruch des Systems geführt haben.
In meinem Eröffnungsvortrag im Januar dieses Jahres in Davos sprach ich von einer schizophrenen Welt und davon, dass wir noch für unsere Sünden zahlen müssen. Der Grund, dass die Zeichen an der Wand nicht wahrgenommen wurden, lag nicht nur am Syndrom der Verdrängung unangenehmer Tatsachen, sondern auch daran, dass sich niemand wirklich fähig und verantwortlich fühlte, zu handeln.
Unser multilaterales institutionelles System, das in der Mitte des letzten Jahrhunderts gestaltet wurde, war entweder nicht bevollmächtigt oder nicht kompetent genug, mit den Herausforderungen eines überbordenden globalen Finanzsystems umzugehen. Die G7, der Gipfel der führenden Industriestaaten, und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben hier nicht die notwendige Weitsicht gezeigt.
Jetzt, nachdem das Fehlen von Ordnungsfunktionen von vielen Akteuren bewusst oder unbewusst zum Nachteil der Allgemeinheit ausgenutzt wurde und riesengroßer Schaden für die Volkswirtschaften und leider auch für jedermann entstanden ist, kommt es zu "Finanzgipfeln", auf denen die längst fälligen Regeln geschaffen werden sollen.
Regelungen sind für die Zukunft der Weltwirtschaft lebenswichtig, aber nicht hinreichend. Diese Krise hat uns nicht nur unsere gegenseitige globale Abhängigkeit vor Augen geführt, sondern auch die Tatsache, dass Wirtschaft und Gesellschaft eng miteinander verwoben sind - oder im Klartext, dass die Wirtschaft nicht ein eigenständiges oder sogar abgehobenes Gebilde ist, sondern dass Wirtschaften der Gesellschaft dienen muss.
Stakeholder-Theorie als Grundlage
Wir müssen jetzt jedoch darauf achten, dass die Maßnahmen, die zur Eindämmung der Krise ergriffen werden, nicht der Innovationskraft der realen Wirtschaft Schaden zufügen. Ich habe das World Economic Forum auf der Basis der Stakeholder-Theorie geschaffen, die ich im Gründungsjahr 1971 in einem Buch beschrieb. Die Stakeholder-Theorie besagt: Das Management eines Unternehmens muss all denen dienen, die mit ihm verbunden sind, und nicht nur den Shareholdern, also den Aktionären. Dies bedeutet aber auch, dass das Management eine Firma als Treuhänder aller Beteiligten führt und nicht nur als Beauftragter der Aktionäre - mit dem Ziel, das langfristige Gedeihen des Unternehmens sicherzustellen, bei sorgfältiger Abwägung aller Chancen und Risiken.
Diese umfassende professionelle Rolle des Managements ist aber in den letzten Jahren durch Bonus- und andere Systeme, die das Management an das kurzfristige Interesse der Shareholder gebunden haben, ausgehöhlt worden. Maximales Gewinnstreben hat die langfristige Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit mehr und mehr als Ziel abgelöst.
Ich habe diese Pervertierung des professionellen Ethos des Managementberufs oft mit folgendem Beispiel charakterisiert: Als ich mich vor einigen Jahren einer Operation unterziehen musste, wusste ich, dass meine zukünftige Lebensqualität wesentlich von der Qualifikation des Chirurgen abhängen würde. Dementsprechend versuchte ich natürlich, den Experten zu finden, der fachlich am besten ausgewiesen war. Dabei nahm ich selbstverständlich an, dass ich in den Händen eines Arztes war, der sein bestes professionelles Können geben würde, ohne zu argumentieren, dass er zusätzlich zu seinem Honorar an meinem zukünftigen Einkommen beteiligt sein möchte, da dieses ja von seiner Kunst abhängig sein werde.