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Merken   Drucken   19.01.2009, 09:15 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Horst Hanusch - Schumpeter lebt

Weltweite Krisen, wie wir sie heute erleben, gehen nicht auf Mängel im Kapitalismus zurück. Sie sind vielmehr das Ergebnis eines übertriebenen Erfolgs des marktwirtschaftlichen Systems.

Horst Hanusch lehrt Volkswirtschaft und Innovationsökonomik an der Universität Augsburg und ist Generalsekretär der Internationalen Schumpeter-Gesellschaft.

Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er ist für die meisten Ökonomen ein Paradebeispiel für den Niedergang von Volkswirtschaften. Die wenigsten von ihnen haben aber jemals damit gerechnet, dass die Weltmärkte erneut in eine Krise solchen Ausmaßes geraten könnten. Was also ist in den letzten Jahrzehnten geschehen, dass wir uns heute wieder in einer Art von "Weltuntergangsstimmung" befinden?

Die gegenwärtige Krise kam sicherlich nicht völlig überraschend und unvorhersehbar auf uns zu. Sie hatte Vorläufer in anderen Ländern, etwa in Japan in den 80er-Jahren und in Südostasien Mitte der 90er-Jahre. Deren Dimension und Wirkungsbreite war freilich mehr oder weniger regional beschränkt. Zum einen, weil die weltweite Vernetzung der Wirtschaftsräume, also die Globalisierung, noch nicht so weit fortgeschritten war wie heute. Zum anderen, weil die größte und wichtigste Volkswirtschaft der Erde, die der USA, nur am Rande daran beteiligt war. Dieser Umstand könnte auch dafür verantwortlich sein, dass man die Erschütterungen, die davon ausgingen, nicht wirklich ernst nahm und sich eher oberflächlich damit auseinandersetzte.

Man kann weiterhin davon ausgehen, dass Krisen, wie wir sie immer wieder weltweit erleben, nicht auf Fehler oder Mängel im marktwirtschaftlichen oder kapitalistischen System allein zurückzuführen sind. Sie sind vielmehr Ergebnis und Ausfluss eines überzogenen und übertriebenen Erfolgs eben dieses Systems. Einer der ersten Ökonomen, der diesen Zusammenhang erkannt hat, war Joseph Schumpeter. Seine Vorstellung steht im krassen Gegensatz zur gängigen, angelsächsisch geprägten neoklassischen Volkswirtschaftslehre. Nach Schumpeter wird das kapitalistische System in seiner Dynamik und Entwicklung in besonderer Form von Kräften bestimmt, die die Neoklassik weitgehend vernachlässigt. Dazu zählen vor allem ein kreatives und risikobereites Unternehmer- und Bankertum, deren Handeln sich zukunftsorientiert vorwiegend darauf ausrichtet, Altes zu verdrängen und Neues hervorzubringen: kreative Zerstörung.

Ein Wirtschaftssystem aber, das auf solchem Fundament gründet, also wesentlich dem Prinzip der Innovation gehorcht, geht in höchstem Maße mit Unsicherheit und Ungewissheit einher, im positiven wie im negativen Sinne. Es kann und wird im Grunde alles geschehen, wenn man das System gewähren lässt. Es ist fähig, die größten Leistungen hervorzubringen, aber auch die schmerzlichsten Krisen zu verursachen. Es ist also kein System des Gleichgewichts und der Harmonie, wie dies die Neoklassik unterstellt. Es schwankt vielmehr zwischen möglichen Extremen des höchsten Erfolgs und des schmählichsten Niedergangs. Es bewegt sich also in einem schumpeterianischen Zyklus des "Boom and Bust".

Teil 2: Warum man von einer "schumpeterianischen Krise" sprechen kann

  • Aus der FTD vom 19.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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