Harold James ist Professor für Geschichte und internationale Angelegenheiten an der Universität Princeton. project-syndicate.org
In der ganzen Welt explodieren die Defizite der öffentlichen Haushalte. Zwar besteht ein allgemeiner Konsens darüber, dass ein keynesianischer Anreiz vonnöten ist. Gleichzeitig suchen die politischen Entscheidungsträger immer nervöser nach einer Ausstiegsstrategie. Sie wissen, dass sie nicht ewig Schulden anhäufen können, aber sie wollen sich nicht festlegen, wann der schmerzhafte Ausstieg beginnen soll.
In Deutschland ist es anders. Nicht weil dort jetzt kein Geld ausgegeben würde, sondern weil dort anders über die Zukunft gesprochen wird. Die deutsche Regierung geht besonders aggressiv gegen Defizite vor und versucht, eine entschiedene Ausstiegsstrategie zu entwerfen. Angela Merkel hat der US-Notenbank und der Bank von England ihre "quantitative Lockerung" der Geldpolitik vorgeworfen. Der deutsche Bundestag hat außerdem vor Kurzem eine Grundgesetzänderung verabschiedet, der zufolge die Nettokreditaufnahme ab 2016 auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandprodukts reduziert werden soll.
Sowohl die Angriffe auf Zentralbanken als auch die Anstrengungen zur Reduzierung der Staatsverschuldung sind in Deutschland äußerst populär. Aber sie werden von Ökonomen auf der ganzen Welt (einschließlich Deutschlands) für Unsinn gehalten.
Deutsche Politiker haben schon früher eine harte Linie in der Geldpolitik und bei der Verschuldung verfolgt - und sind dafür international stark kritisiert worden. In den späten 70er-Jahren, als die Welt mit einer Mischung aus stagnierendem Wachstum und Inflation fertig werden musste, erklärte Helmut Schmidt britischen, französischen und amerikanischen Staats- und Regierungschefs immer wieder, ihre Defizite seien falsch und gefährlich. Er glaubte, die Lösung für eine Stagflation sei, die Defizite loszuwerden. Man hielt ihn für arrogant.
Die einfachste Erklärung für diese deutsche Eigenart ist die Fixierung auf die Lehren aus der deutschen Geschichte, insbesondere aus den beiden außer Kontrolle geratenen Inflationen im 20. Jahrhundert. Die große Inflation Anfang der 20er-Jahre, die in einer Hyperinflation gipfelte, zerstörte den Mittelstand und erzeugte eine politische Instabilität, die schließlich Hitler den Weg ebnete. Und auch wenn dieser mehrmals versprach, die Inflation mit allen Mitteln zu bekämpfen, führte sein Militarismus auch wieder zur Enteignung der Sparer.
Selbst diejenigen, die nur die zweite dieser Episoden der Geldvernichtung noch miterlebt haben, sind heute schon relativ alt. Doch die politische Resonanz dieser Phasen ist immer noch sehr präsent. So warnte die "Bild" im März 2009 mit einer Schlagzeile vor Inflation, als alle Preissignale in die entgegengesetzte Richtung zeigten. Merkel hat sehr empfindliche politische Sensoren, und ihre Reaktion stimmte genau mit dem Empfinden der Deutschen überein.