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Merken   Drucken   14.03.2008, 11:47 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Joseph Stiglitz: 6000 Milliarden Dollar  

Die US-Regierung hat die wahren und dramatisch hohen Kosten des Irakkriegs verschleiert. Kriegsgewinnler sind vor allem private Vertragsunternehmen wie Halliburton.
Da sich am 20. März die US-geführte Invasion des Irak zum fünften Mal jährt, ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme. In unserem neuen Buch "The Three Trillion Dollar War" nehmen Linda Bilmes von der Harvard-Universität und ich eine konservative Schätzung der wirtschaftlichen Kosten des Kriegs für die USA vor.
Sie belaufen sich auf 3000 Mrd. $, zuzüglich weiterer 3000 Mrd. $ für die übrige Welt - deutlich mehr als die Prognosen der Bush-Regierung vor dem Krieg. Bushs Mannschaft hat die Welt dabei nicht nur im Vorfeld des Kriegs über die möglichen Kosten getäuscht, sondern auch versucht, die Kostenentwicklung im weiteren Kriegsverlauf zu verschleiern.
Überraschen kann dies nicht. Schließlich hat die Bush-Regierung auch über alles andere gelogen - von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen bis hin zu seinen angeblichen Verbindungen zu al-Kaida. Tatsächlich ist der Irak erst nach der US-geleiteten Invasion zu einer Brutstätte für Terroristen geworden.
Kredite finanzieren den Krieg
Die Bush-Regierung erklärte, der Krieg würde 50 Mrd. $ kosten. Diesen Betrag geben die USA im Irak inzwischen alle drei Monate aus. Um diese Zahl ins rechte Licht zu rücken: Für ein Sechstel der Kriegskosten hätten die USA ihr Sozialversicherungssystem für mehr als ein halbes Jahrhundert auf eine solide Basis stellen können, ohne die Leistungen zu senken oder die Beiträge zu erhöhen.
Mehr noch: Die Bush-Regierung hat die Steuern für die Reichen bei Kriegseintritt trotz eines auflaufenden Haushaltsdefizits gesenkt. Infolgedessen musste sie den Krieg über Kredite finanzieren, viele davon aus dem Ausland. Dies ist der erste Krieg in der amerikanischen Geschichte, der von den Bürgern keine finanziellen Opfer in Form von Steuererhöhungen verlangt hat; stattdessen werden die Kosten zu 100 Prozent kommenden Generationen aufgebürdet. Sofern sich nichts ändert, wird die Staatsverschuldung in den USA - die bei Bushs Amtsantritt bei 5700 Mrd. $ lag - allein aufgrund des Kriegs um 2000 Mrd. $ höher ausfallen (zusätzlich zu den 800 Mrd. $, um die sie sich unter Bush schon vor dem Krieg erhöht hatte).
Bush will die Kriegskosten verheimlichen
War es Inkompetenz oder Unehrlichkeit? Fast mit Sicherheit beides. Das Einnahmeüberschussverfahren führte dazu, dass die Bush-Regierung sich auf die heutigen Kosten konzentrierte - nicht die zukünftigen Kosten einschließlich der Invaliditäts- und Gesundheitsfürsorge für zurückkehrende Veteranen. Erst Jahre nach Kriegsbeginn bestellte die Regierung jene speziellen Panzerfahrzeuge, die viele der durch Minen und Bomben Getöteten hätten retten können. Weil sie die Wehrpflicht nicht wieder einführen wollte und Probleme hatte, Rekruten für einen unbeliebten Krieg zu werben, wurden die Soldaten zu zwei, drei oder vier aufreibenden Einsätzen gezwungen.
Die Regierung hat versucht, der amerikanischen Öffentlichkeit die Kriegskosten zu verheimlichen. Veteranengruppen haben mithilfe des Freedom of Information Act die Gesamtzahl der Verwundeten aufgedeckt: Sie liegt 15-mal so hoch wie die Zahl der Gefallenen. Bei 52.000 zurückgekehrten Veteranen wurde bisher ein posttraumatisches Stresssyndrom diagnostiziert. Amerika wird Invaliditätsentschädigungen an schätzungsweise 40 Prozent der 1,65 Millionen bisher stationierten Soldaten zahlen müssen. Und natürlich wird sich der Aderlass fortsetzen, solange der Krieg andauert.
Es gibt nur zwei Gewinner
Ideologie und Geschäftemacherei spielten ebenfalls eine Rolle dabei, die Kosten des Kriegs in die Höhe zu treiben. Amerika hat private Vertragsunternehmer eingesetzt, die nicht gerade billig waren. Ein Wachmann von Blackwater Security kann mehr als 1000 $ pro Tag kosten - ohne Berücksichtigung der Invaliditäts- und Lebensversicherung. Das bezahlt der Staat. Als die Arbeitslosenquote im Irak auf 60 Prozent hochschnellte, wäre es sinnvoll gewesen, Iraker einzustellen. Doch die Vertragsunternehmer importierten billige Arbeitskräfte von den Philippinen, aus Nepal und anderen Ländern.
Gewonnen haben bei diesem Krieg nur zwei: die Ölgesellschaften und private Anbieter von Militärdienstleistungen. Der Aktienkurs von Halliburton, dem früheren Unternehmen von Vizepräsident Dick Cheney, ist rapide gestiegen. Doch obgleich sich die Regierung zunehmend auf Vertragsunternehmer verließ, schränkte sie ihre Kontrollfunktion ein.
Die größten Kosten dieses schlecht geführten Kriegs hatte der Irak zu tragen. Die Hälfte aller irakischen Ärzte wurden getötet oder haben das Land verlassen. Die Arbeitslosenquote beträgt derzeit 25 Prozent. Und fünf Jahre nach Kriegsbeginn funktioniert in Bagdad die Stromversorgung noch immer weniger als acht Stunden pro Tag. Bei einer Gesamtbevölkerung von 28 Millionen gibt es im Irak vier Millionen interne Flüchtlinge; zwei Millionen Menschen haben das Land verlassen.
Die Kosten sind enorm
Statistische Erhebungen aus der Zeit vor und nach der Invasion lassen etwas von der grimmigen Realität erkennen: Während der ersten 40 Kriegsmonate gab es vermutlich zwischen 450.000 und 600.000 zusätzliche Tote (150.000 davon gewalttätige Todesfälle).
Angesichts all der Menschen, die derzeit auf so viele unterschiedliche Weisen im Irak leiden, mag es gefühllos scheinen, die wirtschaftlichen Kosten zu diskutieren. Doch diese wirtschaftlichen Kosten sind enorm und reichen deutlich über die Budgetauslagen hinaus.
Die Amerikaner sagen gern, alles habe seinen Preis. Das gilt auch für Kriege. Die USA - und die Welt - werden diesen Preis noch auf Jahre hinweg zahlen müssen.
Joseph Stiglitz ist Professor für Ökonomie an der Columbia University und war Chefökonom der Weltbank. Gemeinsam mit Linda Bilmes hat er das Buch "The Three Trillion Dollar War: The True Cost of the Iraq Conflict" geschrieben. www.project-syndicate.org
  • Aus der FTD vom 14.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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