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  FTD-Serie: Die Ursprünge der Finanzkrise

Sie begann bei einem kalifornischen Hypothekenanbieter und hat inzwischen Märkte in aller Welt erfasst: Die Subprime-Krise um schlecht besicherte US-Immobilienkredite betrifft längst auch andere Branchen. Unter den Opfern sind zunehmend deutsche Unternehmen.

Merken   Drucken   16.07.2008, 19:17 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Joseph Stiglitz: Das war's, Neoliberalismus  

Die Finanzkrise und die Probleme der Entwicklungsländer zeigen: Ein Vierteljahrhundert nach Reagonomics und Thatcherismus ist die neoliberale Idee gescheitert. Daraus müssen die Regierungen nun ihre Lehren ziehen. von Joseph Stiglitz
Joseph Stiglitz ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University.
Die Welt hat es nicht gut gemeint mit dem Neoliberalismus - dieser Wundertüte an Konzepten, die auf der Vorstellung beruhen, dass die Märkte sich selbst regulieren, Ressourcen effizient verteilen und den Interessen der Öffentlichkeit dienen. Dieser Marktfundamentalismus bildete die Basis von Thatcherismus, Reaganomics und dem sogenannten Washington-Konsens. Der diente als theoretische Grundlage, um Privatisierung und Liberalisierung zu forcieren, sowie unabhängigen Zentralbanken, die sich auf die Bekämpfung der Inflation und sonst nichts konzentrieren.
Nach über einem Vierteljahrhundert des Wettbewerbs unter den Entwicklungsländern stehen die Verlierer fest: Länder, die einen neoliberalen Kurs verfolgten, verloren ihre Wachstumsgewinne. Und wenn sie Wachstum verzeichnen konnten, profitierten davon in überproportionaler Weise die Eliten.
Obwohl die Neoliberalen es nicht zugeben wollen, fiel ihre Ideologie auch bei einem anderen Test durch. Niemand kann nämlich behaupten, dass die Finanzmärkte in den späten 90er-Jahren ihre Aufgabe der Ressourcenverteilung brillant bewältigten, nachdem zum Beispiel 97 Prozent der Investitionen in die Glasfasertechnik erst nach Jahren das Licht der Welt erblickten. Aber wenigstens führte dieser Fehler zufällig zu einem Vorteil: Dank gesunkener Kommunikationskosten integrierten sich Indien und China besser in die Weltwirtschaft.
Versagen auf dem Immobilienmarkt
Schwer zu erkennen sind jedoch derartige Vorteile im Hinblick auf die massive Fehlallokation von Ressourcen im Immobilienbereich. Millionen von US-Familien hat die Hypothekenkrise dazu gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Mancherorts ist die Regierung eingesprungen, anderswo greift die Plage weiter um sich. Natürlich nutzte die Immobilienblase kurzfristig manchen Amerikanern, die für eine Weile das Leben in einem größeren Heim genossen, als sie es sich sonst hätten leisten können. Aber zu welchem Preis. Millionen verlieren mit ihren Häusern zugleich ihre Lebensersparnisse. Und die Zwangsversteigerungen haben zu einer weltweiten Abschwung geführt. Über die weiteren Aussichten herrscht zunehmend Einigkeit: Dieser Abschwung wird anhalten und er wird weite Kreise ziehen.
Ebenso wenig haben uns die Märkte auf rasant steigende Öl- und Lebensmittelpreise vorbereitet. Natürlich ist keiner dieser Sektoren ein Beispiel für freie Marktwirtschaft, aber genau das ist Teil des Problems: Die Rhetorik vom freien Markt wird selektiv angewandt - hervorgehoben, wenn sie speziellen Interessen dient, und verworfen, wenn dies nicht der Fall ist.
Die Mischung aus rhetorischem Einsatz für freie Märkte bei gleichzeitigen staatlichen Interventionen hat sich besonders für die Entwicklungsländer negativ ausgewirkt. Ihnen legte man nahe, Interventionen im Bereich Landwirtschaft zu unterlassen. Dadurch wurden die Bauern dieser Länder der verheerenden Konkurrenz der USA und Europas ausgesetzt. Sie wären in der Lage gewesen, im Wettbewerb mit amerikanischen und europäischen Landwirten zu bestehen - aber nicht im Wettbewerb mit den Subventionen in den USA und der EU. So verwundert es nicht, dass die Agrarinvestitionen in den Entwicklungsländern zurückgingen und sich die Nahrungsmittellücke vergrößerte.
  • Aus der FTD vom 17.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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