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Merken   Drucken   15.01.2009, 11:16 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Kann Amerika noch zaubern?  

So erschüttert das Vertrauen in die US-Wirtschaft ist - zur Großen Depression muss es nicht kommen. Ein rationaler und entschlossener Umgang mit der Krise könnte das Schlimmste verhindern. von Kenneth Rogoff
Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des IWF.
Wenn selbst der noch amtierende Präsident der USA die Befürchtung äußert, dass die Finanzkrise schlimmer ausfallen könnte als die Große Depression der 30er-Jahre, wird klar, wie schwer Amerikas Selbstvertrauen erschüttert ist. Und George W. Bush ist nicht der Einzige, der Angst hat, dass sich die Lage noch erheblich verschlechtern könnte. Eine wachsende Zahl kompetenter Geschäftsleute fragt sich, ob die US-Wirtschaft in absehbarer Zeit wieder auf die Beine kommt.
Professionelle Konjunkturbeobachter sind da erheblich zuversichtlicher: Ihre Konsensprognose für das US-Wirtschaftswachstum liegt für 2009 bei etwa minus 1,5 Prozent, nach einem ähnlichen Rückgang in der zweiten Hälfte 2008. Dies wäre eine schmerzhafte Rezession, aber deutlich weniger als ein Rückgang um 10 bis 15 Prozent, wie man ihn mit einer ausgewachsenen Depression verbindet.
Freilich waren die Beobachter in letzter Zeit allgemein überoptimistisch; daher steht die Öffentlichkeit ihren Prognosen verständlicherweise misstrauisch gegenüber. Bedenkt man, dass das Finanzsystem am Tropf hängt, sich die Häuserpreise weiter im Sturzflug befinden und die Arbeitslosigkeit steigt, erscheint die US-Volkswirtschaft verletzlicher als zu irgendeinem Zeitpunkt seit den 70er-Jahren, vielleicht sogar seit dem Zweiten Weltkrieg.
Die völlige politische Lähmung während des Interregnums zwischen den Präsidenten Bush und Barack Obama ist natürlich nicht eben hilfreich. Die US-Politik ist in dieser Zeit zu einer Art Glücksradspiel für Banken verkommen: Mal gehen sie bankrott, dann wieder erhalten sie praktisch ohne Auflagen Kredit. Es ist zu hoffen, dass die Wirtschaftskoryphäen in Obamas Team zumindest eine in sich schlüssige Politik verfolgen wird. Schon das würde für deutlich mehr Vertrauen sorgen.
Zu den grundlegenden Elementen eines Rettungspakets für die Wirtschaft gehört vor allem ein rationaler Ansatz gegenüber dem Neustart des Finanzsystems. Dies bedeutet, dass Aktiva nach Marktpreisen bewertet, Banken saniert und rekapitalisiert werden und ein Neuansatz bei der Regulierung gefunden wird, der Kreativität zulässt, zugleich aber die Öffentlichkeit besser vor dem Wahnsinn schützt, der hier mehr als ein Jahrzehnt lang vorherrschte. Nötig sind Hilfen im Immobiliensektor, um einen Extremverfall der Häuserpreise zu vermeiden, sowie massive makroökonomische Maßnahmen, um die Konjunktur anzukurbeln, einschließlich einer moderat inflationären Geldpolitik.
Eine Reihe führender Politiker macht sich verständlicherweise Sorgen über die längerfristigen Folgen aggressiver makroökonomischer Anreize. Diese Bedenken sind berechtigt - umso mehr angesichts der wachsenden Rolle des Staates innerhalb der Wirtschaft. Doch man hofft, wie in Kriegszeiten, dass diese Effekte temporärer Art sind. Und außerdem: Ist Nichtstun eine echte Alternative?
  • Aus der FTD vom 15.01.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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