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Merken   Drucken   10.09.2008, 08:55 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Kenneth Rogoff - Ein Ausstiegsplan für die Retter  

Die Notenbanken tun alles, um den Finanzsektor zu stabilisieren. Aber letztlich führt kein Weg daran vorbei, dass diese Branche schrumpfen muss. Die Politik muss den Rückzug vorbereiten
Kenneth Rogoff lehrt an der Universität Harvard. Er war früher Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. www.project-syndicate.org
Ein Jahr nach Beginn der globalen Finanzkrise sind mehrere große Zentralbanken immer noch schutzlos den Risiken der Finanzsektoren ihrer Länder ausgesetzt. Bislang war die Strategie sinnvoll, die Finanzsysteme mit der Ernährungssonde kurzfristiger, staatlich garantierter Kredite am Leben zu halten. Doch am Ende müssen die Zentralbanken den Stecker ziehen - sonst landen sie selbst auf der Intensivstation, wenn die Kreditverluste in ihren Bilanzen überhandnehmen.
Die Vorstellung, die größten Wirtschaftsnationen der Welt seien nur mit einer kurzfristigen Panik konfrontiert, wirkt zusehends unrealistisch. Stattdessen wird langsam klar, dass die Finanzbranche nach einer Zeit großartiger Profite und Wachstumsschübe nun eine Zeit der Konsolidierung und Kürzungen erleiden muss. Schwache Banken müssen zusammenbrechen oder fusionieren dürfen (wobei normale Kontoinhaber von staatlichen Versicherungsfonds ausbezahlt werden), damit die starken Banken mit neuer Kraft aus der Krise hervorgehen können.
Wenn dies die richtige Diagnose ist, dann werden die Versuche, eine gesunde und normale Dynamik aufzuhalten, das Problem nur verlängern und verschärfen. Lässt man die nötige Konsolidierung nicht zu, so schwächt man die Kreditmärkte, anstatt sie zu stärken.
Die Fed, die EZB und die Bank of England sind besonders stark betroffen. Zusammen haben sie traditionellen Banken sowie komplexen, unregulierten "Investmentbanken" kurzfristige Darlehen in Höhe von mehreren Hundert Milliarden Dollar gewährt. Viele andere Zentralbanken beobachten die Lage nervös und sind sich völlig im Klaren, dass sie bald selbst in derselben Lage sein könnten, wenn die Weltkonjunktur weiter zurückgeht und die Ausfallraten bei Schulden aller Art weiter steigen.
Ein massiver Verlust in den Bilanzen der Zentralbanken ist nicht unbedingt das Ende der Welt. Das ist alles schon mal da gewesen, etwa in der Finanzkrise der 90er-Jahre. Doch die Geschichte lehrt, dass es nie besonders angenehm ist, die Bilanz einer Zentralbank wieder ins Lot zu bringen. Eine Zentralbank kann sich entweder durch Inflation aus dem Schlamassel ziehen oder abwarten, bis der Steuerzahler sie saniert. Beide Lösungen sind äußerst traumatisch.
Entfesselte Inflation verursacht alle möglichen Verzerrungen und Ineffizienzen. (Und ich denke nicht, dass die Zentralbanken die Inflationssteuer ausgeschlossen haben. Tatsächlich hat die Inflation 2007 einen Höchststand erreicht, was die erforderliche Korrektur der realen Immobilienpreise erleichterte.) Eine Rettung durch die Steuerzahler geht selten glatt vonstatten und beeinträchtigt zwangsläufig die Unabhängigkeit der Zentralbank.
  • FTD.de, 10.09.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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