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Merken   Drucken   19.01.2008, 09:05 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Kenneth Rogoff: Fatale Gleichmacherei der Gewerkschaften  

Im Sog der Globalisierung erscheinen Gewerkschaften wieder als wichtiges Korrektiv zur Macht des Kapitals. In den entwickelten Ländern aber behindern sie allzu oft eine ökonomische Modernisierung.
Wird das politische Wiederaufleben der Gewerkschaften Sand ins Getriebe der Globalisierung streuen? Oder wird ihre zunehmende Stärke dazu beitragen, die Globalisierung nachhaltiger zu gestalten, indem sie große Gleichheit und Gerechtigkeit fördert? In beiden Fällen stellen die Gewerkschaften eine große Unbekannte für die Entwicklung unseres Wirtschaftssystems ab 2008 dar.
Der wachsende Einfluss der Gewerkschaften wird bei vielen Ereignissen deutlich: der kontroversen Übereinkunft der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, einen Mindestlohn für Postangestellte einzuführen; den offenen Vorbehalten mehrerer amerikanischer Präsidentschaftskandidaten hinsichtlich Handel und Einwanderung; oder den aufkommenden Bedenken der chinesischen Führung über die Arbeitsbedingungen.
Ansehen erheblich verbessern
Neben ihrem politischen Einfluss erlebt auch das intellektuelle Ansehen der Gewerkschaften eine Renaissance. Nachdem sie jahrzehntelang von den Ökonomen verunglimpft wurde, weil sie die Arbeitslosigkeit erhöhe und das Wachstum ersticke, erhält die Gewerkschaftsbewegung zurzeit Rückendeckung von Vordenkern wie Paul Krugman, der für stärkere Gewerkschaften plädiert, um den schlimmsten Auswüchsen der Globalisierung entgegenzuwirken.
Das plötzliche Auftauchen der Gewerkschaften als politische Kraft ist besonders überraschend in den Vereinigten Staaten, wo der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder im privaten Sektor von 25 Prozent im Jahr 1975 auf heute acht Prozent gefallen ist. Vom Hightech-Unternehmen Google  bis zum Großmarkt Wal-Mart  haben US-Firmen Möglichkeiten gefunden, ihre Betriebe gewerkschaftsfrei zu halten. Lediglich der öffentliche Sektor, wo die Mitgliedschaft bei 35 Prozent liegt, ist eine Bastion der Gewerkschaften geblieben. Eine meiner besten Freundinnen aus der Kindheit hat einen Gewerkschaftsfunktionär geheiratet, für den es in den USA so schwierig war, eine Stelle zu finden, dass er mit seiner Familie am Ende in das streikfreundliche Kanada gezogen ist.
Gute Gründe für Skepsis
Derzeit wollen US-Politiker wie der Kongressabgeordnete Barney Frank die Gewerkschaften zurückholen. Doch gibt es gute Gründe, skeptisch zu sein. In relativ armen Ländern wie China könnten echte Gewerkschaften dazu beitragen, die Macht der Arbeitgeber auszugleichen, und dabei Vorteile für die Lebensqualität bringen, die die Wachstumseinbußen aufwiegen würden. Für die USA und die reichen Länder in Europa hingegen ist die Behauptung, dass stärkere Gewerkschaften mehr Vorteile als Nachteile bringen, bei Weitem fragwürdiger. Heutzutage verfügen die meisten Arbeiter bereits über die subjektiven und objektiven Rechte, die den grundlegenden Schutz bieten, für den die Gewerkschaften vor einem Jahrhundert ursprünglich kämpften.
Dagegen dient der Einfluss der Gewerkschaften heute allzu oft der Verbreitung unflexibler Arbeitspraktiken und flacher Gehaltsstrukturen, die die Anstrengung und Fähigkeit der Menschen nicht genügend belohnen. Es überrascht nicht, dass der Anteil der Gewerkschafter im staatlichen Sektor, in dem die Produktivität gering ist und die finanziellen Zwänge schwach, in der Regel am höchsten ist. Insbesondere Lehrergewerkschaften sind eine Katastrophe, da sie jegliche Rationalisierung oder Verbesserung der Bildungssysteme in vielen Ländern blockieren.
Vor der modernen Globalisierungsära konnten die Gewerkschaften gedeihen, indem sie sich auf nationaler Ebene organisierten, was ihnen sowohl gegenüber den Arbeitgebern als auch gegenüber den Verbrauchern gewaltige Verhandlungsmacht verlieh. Nach der explosiven Expansion des Welthandels in der Nachkriegszeit allerdings mussten die meisten Gewerkschaften miterleben, wie ihre Monopolmacht ausgehöhlt, wenn nicht gar zerschlagen wurde. Aus diesem Grund haben die Gewerkschaften in den meisten Industrieländern so hart gekämpft, um Freihandelsgespräche zu verhindern, die ihre Position noch weiter untergraben könnten.
Einige Themen, für die die Gewerkschaften eintreten, etwa Menschenrechte und Umweltqualität, sind unanfechtbar. Wenn sie jedoch versuchen, diese Themen mit der Wirtschaft zu verknüpfen, werden ihre Motive fragwürdig.
In den reichen Ländern wird die Umverteilung der Einkommen wesentlich besser durch Steuern und Sozialsysteme geregelt als durch staatliche Erlasse zur Stärkung der Gewerkschaften. Die Reichen bezahlen in vielen Ländern heutzutage so wenig Steuern, dass es eine große Verbesserung darstellen würde, zu einer Einheitssteuer mit einem sehr hohen Grundfreibetrag überzugehen, sodass Familien mit einem geringeren Einkommen nichts bezahlen.
Bei Ländern mit mittlerem Einkommensniveau gestaltet sich die Sache schwieriger. Doch auch hier scheint die richtige Vorgehensweise zu sein, mehr subjektive und objektive Rechte für Arbeiter einzuführen und die meisten Gewerkschaften einfach von selbst schwächer werden zu lassen.
Leider ist es bei Weitem wahrscheinlicher, dass wir miterleben werden, wie der zunehmende politische Einfluss der Gewerkschaften zu einem großen destabilisierenden Faktor für Handel und Wachstum wird - mit höchst ungewissen Folgen. Wenn man sieht, wie Politiker in vielen reichen Ländern mit den Gewerkschaften anbandeln, indem sie sich beim Streit um Themen wie freien Handel und Einwanderung gegenseitig überbieten, gibt es gute Gründe, sich über künftige Probleme zu sorgen. Deshalb stellen die Gewerkschaften 2008 eine der größten Unbekannten für die Wirtschaft dar.

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