Ansgar Belke ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen.
Der Begriff der "Unsicherheit" wird in der Kreditkrise inflationär verwendet. Wenn man ihn genauer fassen will, dann ist in Deutschland ein Maß für die ökonomisch relevante Unsicherheit der VDax, der die implizite Volatilität deutscher Aktien-Futures verzeichnet: Dieses "Barometer der Angst" vervierfachte sich nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers; es hat sich aber mittlerweile wieder um die Hälfte verringert.
Sollte eine Regierung unter diesen Umständen nochmals versuchen, die Nachfrage fiskalpolitisch zu stimulieren?
Um den Einfluss der Unsicherheit auf Investitionsentscheidungen zu untersuchen, haben Ökonomen das Konzept eines Optionswerts des Wartens entwickelt. Es formalisiert eine allgemein akzeptierte Regel: Falls eine Entscheidung versunkene Kosten oder andere nicht umkehrbare Folgen nach sich zieht, macht es Sinn zu warten, bis sich die Unsicherheit über die zukünftige Ertragslage aufgelöst hat.
Man stelle sich zum Beispiel ein Unternehmen vor, das solche Investitionsprojekte auf ihre Rentabilität abklopft, die heute gerade noch profitabel sind, die noch höhere Gewinne abwerfen, wenn sich die Unsicherheit künftig zum Guten auflöst, die aber Verluste bringen, wenn sich zeigt, dass eine schlechte Entwicklung eintritt.
Dieses Unternehmen würde wenig Gewinn verlieren, falls es seine Investitionsentscheidung aufschiebt. Denn sobald sich die Unsicherheit aufgelöst hat, verfügt es immer noch über die Option, bei positiven Umständen die geplante Investition durchzuführen.
Ein Optionswert des Wartens lässt sich auch für eine Regierung ableiten, die in ein Konjunkturpaket "investieren" möchte. Denn erstens bedeutet es in der Regel viel Zeit und Aufwand, die fiskalpolitischen Maßnahmen erfolgreich durch die nationalen Parlamente zu lotsen. Hinzu kommen häufig Wirkungsverzögerungen. Regierungen können ihre fiskalpolitischen Maßnahmen nicht mehr an sich ändernde Umweltzustände anpassen oder revidieren, sobald sie beschlossen und implementiert wurden.
Zweitens kommen politische Beschränkungen ins Spiel. Für Regierungen ist es viel einfacher, die Fiskalpolitik zu lockern, als die Zügel in späteren Jahren wieder zu straffen. Aus politökonomischer Sicht ist eine spätere Umkehr des expansiven Kurses nicht glaubwürdig.
Konjunkturpakete sind das Ergebnis spezifischer "Package-Deals" und von Zusagen an die Koalitionspartner in ganz anderen Bereichen des Budgets abhängig. Es ist nicht davon auszugehen, dass in guten Zeiten erneut ein derartiges Fenster der Gelegenheit genutzt werden kann, um das Staatsgeld wieder einzusammeln.
Drittens wird ein Land wie Deutschland seinen Staatshaushalt nicht vor 2020 wieder konsolidiert haben. Werden kreditfinanzierte Konjunkturprogramme bereits heute durchgeführt, werden zukünftige Programme bei dann höherer Verschuldung noch teurer, obwohl sie gegebenenfalls noch dringender benötigt werden. Denn Sollzinsen auf die Staatsschuld steigen, und die erhöhten Steuern dämpfen das Wachstum.