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Merken   Drucken   08.05.2008, 11:01 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Lawrence Summers: Stoppt den Wettlauf nach unten  

Das Unbehagen der Arbeitnehmer an der Globalisierung wird immer größer. Die Politik muss gegen schädliche Steuer- und Regulierungskonkurrenz vorgehen. Ein Weckruf des Harvard-Professors , Teil zwei.
Vergangene Woche schrieb ich an dieser Stelle, dass sich politische Unterstützung für einen Wirtschaftsinternationalismus in den USA und anderswo wohl nicht mehr nur mit dem Argument sichern lässt, es gehe der Wirtschaft durch Freihandelsabkommen besser. Den Arbeiternehmern wird zunehmend bewusst, dass etwas, das der Weltwirtschaft und den Wirtschaftschampions nutzt, nicht zwingend auch gut für sie selbst ist. (Globalisierung für alle) Für diese Sicht gibt es auch gute Gründe.
Der Zusammenhang zwischen dem Erfolg der Handelspartner und Unternehmen eines Landes einerseits und dem Erfolg der Arbeitnehmer dieses Landes andererseits wird schwächer. Normalerweise wird zu Recht gesagt, dass eine schneller wachsende Weltwirtschaft Arbeitnehmern und Firmen eines Landes nutzt, indem sie den Exportmarkt vergrößert. Aber es stimmt auch, dass der Erfolg anderer Staaten und eine zunehmende globale Integration den Wettbewerbsdruck erhöhen. Das bekommen unverhältnismäßig stark die Arbeitnehmer zu spüren.
Geschlossene versus offene Wirtschaft
Arbeiter in den USA, Europa oder Japan haben hohe Löhne, weil sie besser ausgebildet sind als der Großteil der Arbeiter in Entwicklungsländern. Aber sie verdienen auch deshalb mehr, weil sie produktiver sein können - ihre Anstrengungen werden ergänzt durch Kapital im weiteren Sinne, also Ausrüstung, Managementerfahrung, Unternehmenskultur, Infrastruktur und die Fähigkeit zur Innovation. In einer geschlossenen Wirtschaft erhöht alles, was Investitionen in das Produktivvermögen anregt, zwingend auch die Löhne. Die Unternehmen haben hier ein gewaltiges Interesse an der Qualität der nationalen Arbeitskräfte und der Infrastruktur.
Ganz anders ist die Lage in einer offenen Wirtschaft. Hier lassen sich die Investitionen in Innovation, Marken, eine starke Unternehmenskultur oder sogar bestimmte Maschinen mit Arbeitskräften aus aller Welt kombinieren. Die Arbeitnehmer sind nicht mehr im gleichen Maß an produktivitätssteigernden Investitionen beteiligt. Die Firmen wiederum haben weniger Interesse an der Qualität der Arbeitskräfte und der Infrastruktur im Heimatland. Zudem können sie mit Wegzug drohen und so Zugeständnisse bei Steuern, Auflagen oder Subventionen herausholen. Die fälligen Kosten sind unvermeidlich von den Arbeitnehmern zu tragen.
Ein Rückzug aus der Weltwirtschaft oder eine Verlangsamung des Integrationstempos sind letztlich nicht akzeptabel. Beides würde im Ausland zu gefährlichen Ressentiments führen; es würde der Wirtschaft schaden, weil andere Länder Vergeltungsmaßnahmen ergreifen; und es würde die Wettbewerbsfähigkeit verringern, weil die Firmen konkurrierender Länder ihre Produktion weiter mit Entwicklungsländern integrieren. Bill Clinton sagte es in seiner ersten wichtigen Wirtschaftsrede als US-Präsident so: "We must compete, not retreat" - wir müssen uns der Konkurrenz stellen, nicht zurückweichen."
  • Aus der FTD vom 08.05.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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