FTD.de » Meinung » Kommentare » Martin Wolf: Wenn der Markt versagt

Merken   Drucken   20.01.2008, 18:25 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Martin Wolf: Wenn der Markt versagt  

Das Finanzsystem ist krisenanfällig. Ein Grund dafür ist, dass Banker enorme Risiken eingehen, weil sie auf Basis kurzfristiger Leistung bezahlt werden. Deswegen muss der Staat die Boni regulieren. von Martin Wolf
"Sie können Banker nicht leiden, oder?", fragte mich kürzlich ein ehemaliger Banker. Ich war zutiefst betroffen. "Ganz im Gegenteil", antwortete ich. "Einige meiner besten Freunde sind Banker." Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit. Vielleicht mag ich Banker, aber Banken mag ich sicher nicht. Ich sehe ein, dass sie notwendig sind, aber ich fürchte ihr mangelndes Verantwortungsbewusstsein. Schlimmer noch: Sie sind teilweise auch deshalb unverantwortlich, weil sie wissen, dass sie gebraucht werden.
Das ist keineswegs ein Vorurteil. Meine erste Erfahrung mit außer Kontrolle geratenen Banken machte ich in den 80er-Jahren, als ich die unverantwortliche Kreditvergabe mit ansehen musste, die zur verheerenden Schuldenkrise der Entwicklungsländer führte. Über 100 ernste Bankenkrisen hat die Welt in den vergangenen 30 Jahren erlebt. Im selben Zeitraum mussten die Behörden viermal wichtige Teile des US-Finanzsystems retten - in den meisten Fällen waren weltweit führende Institute beteiligt: In den 80er-Jahren waren es die Schuldenkrise der Entwicklungsländer und die Sparkassenkrise, Anfang der 90er-Jahre die Gewerbeimmobilienkrise und jetzt die Subprime-Krise.
Keine Branche ist so gut darin wie die Banken, Gewinne zu privatisieren und Verluste an die Allgemeinheit weiterzugeben. In keiner anderen Branche werden die Teilnehmer, wenn sie mal wieder (wohlverdient) in Schwierigkeiten geraten sind, auf derart selbstgerechte Weise sauer, wenn der Staat - und insbesondere die Zentralbank - ihnen nicht sofort zu Hilfe eilt.
Dennoch erwarten sie zu Recht Hilfe. Solange sie alle gemeinsam dieselben Fehler machen, und das ist bei soliden Bankern der Fall, muss der Staat einschreiten. Das wissen die Banken. Sie können die Wirtschaft und die Öffentlichkeit als Geisel nehmen. Den Regierungen bleibt gar keine andere Wahl, als darauf einzugehen.
Konflikte über Konflikte
Bei Unternehmen mit beschränkter Haftung ergeben sich zwangsläufig Interessenkonflikte - zwischen Management und Aktionären, Management und Beschäftigten, Unternehmen und Kunden sowie Unternehmen und Regulierungsbehörden. Nur sind die Interessenkonflikte bei Finanzkonzernen schwerer in den Griff zu bekommen als in anderen Branchen.
Dafür gibt es drei Gründe. Erstens sind Banken praktisch die einzigen Unternehmen, die ganze Volkswirtschaften ins Verderben stürzen können. Zweitens herrscht in keiner Branche so viel Unsicherheit. Und drittens ist es für Außenstehende schwer zu beurteilen, welche Entscheidungen gut und welche schlecht sind. Deshalb ist diese Branche außergewöhnlich, sowohl was das Ausmaß der Regulierung angeht als auch das Ausmaß der staatlichen Unterstützung. Als Erfolg kann man dies wohl kaum bezeichnen, wie die aktuelle Krise zeigt.
Ein anfälliges Finanzsystem, das Insidern auch noch enorme Profite ermöglicht - diese Mischung wird weltweit etwas noch Wichtigeres zerstören: die politische Rechtfertigung der Marktwirtschaft. Deshalb ist es Zeit, über radikale Lösungen nachzudenken.
Bislang beschränkten sich die Lösungsansätze vor allem darauf, Unterstützung mit Regulierung zu paaren: Kapitaldeckungsquoten, Risikomanagement und so weiter. Ich habe mich früher für höhere Kapitalanforderungen eingesetzt, doch haben all diese Bemühungen einen Pferdefuß: Für gewiefte Insider mit dem nötigen Willen ist es ein Kinderspiel, diese Regeln zu ihrem eigenen Nutzen zu verbiegen.
Ein anderer Vorschlag regt an, das "Narrow Banking" mit einem unregulierten und ungeschützten Finanzsystem zu kombinieren. Die Banken würden in Staatsanleihen investieren, das Zahlungssystem managen und Privatkunden sichere Einlagen bieten. Auf den ersten Blick mag das attraktiv scheinen, aber der Nachteil liegt auf der Hand: Was nicht reguliert ist, dürfte sich als gefährlich erweisen. Regierungen würden wieder in den Sumpf hineingezogen.
Nein, dieses Problem lässt sich nur lösen, indem man das Anreizsystem direkt an der Wurzel packt. Der ehemalige Chefökonom des IWF, Raghuram Rajan, schrieb in einem hervorragenden Artikel ("Die Alpha-Fälscher", FTD vom 10. Januar), dass der Kernkonflikt jener zwischen den Mitarbeitern (und vor allem den Managern) und allen anderen ist. Banken zahlen gewaltige Boni auf der Grundlage kurzfristiger Leistungen, negative Boni sind in diesem System unmöglich. Dadurch erschaffen die Banken einen enormen Anreiz, das Eingehen von Risiken als Schaffung von Wert zu bemänteln.
Schrecklich, aber ohne Alternative
Wir wären wohl besser dran mit Jupiterjahren. Sie dauern zwölf Erdenjahre, was in etwa dem Zeitraum entspricht, ab dem abschätzbar ist, wie profitabel eine Strategie war. Anders formuliert: Ein Jahr ist ein astronomisches Phänomen und kein wirtschaftliches. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass ein wesentlicher Anteil der Bezahlung von Bankern stärker den Realitäten des Geschäfts entspricht. Das könnte durch Belegschaftsaktien erfolgen, die nach einigen Jahren eingetauscht werden können.
Doch einzelne Institute können ihr Vergütungssystem nicht im Alleingang umstellen, ohne gute Mitarbeiter zu verlieren. Deshalb sind hier die Regulierer gefragt. Eingriffe von offizieller Seite sind zwar eine schreckliche Vorstellung, aber die Alternative ist noch schlimmer: eine endlose Wiederholung von Krisen. Wir können nicht so tun, als wäre das Verhalten des Finanzsystems nicht von öffentlichem Interesse. Wie weit soll das Sicherheitsnetz der Regulierer reichen? Ich denke, es sollte alle Finanzeinrichtungen abdecken, die für das System wichtig sind. Eine genaue Trennung vorzunehmen ist nicht einfach, aber das ist bei jeder Form von Regulierung ein Problem und nicht unlösbar. Die Behörden müssen sich nur eine einfache Frage stellen: Müssten sie eingreifen, wenn dieses Institut in eine schwere Krise geriete?
Werden alle Interessenkonflikte von jenem zwischen Mitarbeitern und allen anderen dominiert, so muss dieser Konflikt gelöst werden. Alle Boni und ein Teil des Gehalts von Spitzenmanagern sollten in Belegschaftsaktien ausgezahlt werden, die schrittweise eingelöst werden können. Dass dies den Bankern nicht gefällt, kann ich nachvollziehen. Doch eines ist klar: So wie ein Krieg zu wichtig ist, um ihn den Generälen zu überlassen, ist das Bankwesen zu wichtig, um es den Bankern zu überlassen. Das hat nichts damit zu tun, ob man sie mag oder nicht.
Martin Wolf ist FT-Kolumnist. Die Kolumne von Christian Schütte erscheint wieder am 4. Februar.
  • Aus der FTD vom 21.01.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
  24.06.2009 Pressestimmen "Beim Thema Afghanistan Tacheles reden"  
Pressestimmen: "Beim Thema Afghanistan Tacheles reden"

Der Tod dreier Soldaten im Kundus gibt Anlass zu neuen Diskussionen über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Verteidigungsmininister Jung will nicht von Krieg sprechen. Die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen fordern klare Stellungnahmen der Politik. mehr

 



Die FTD-Personendatenbank
 


  17:51 Gerhard Richter in Berlin
Kultur: Gerhard Richter in Berlin (00:02:35)

Gemeinsam mit der Londoner Tate Modern und dem Pariser Centre Pompidou ehrt die Nationalgalerie den Künstler mit einer großen Retrospektive. mehr

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote