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Merken   Drucken   14.04.2009, 13:59 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Michel Barnier - Stockholm statt Lissabon  

Kredit- und die Klimakrise zeigen: Wir müssen neue Quellen des Wohlstands finden. Es ist Zeit für eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik, die sich an ökologischen Zielen orientiert - eine grüne "Stcokholm-Strategie".
Michel Barnier ist französischer Landwirtschaftsminister.
Seit Beginn der Krise haben die Banken nach jüngsten Schätzungen des Internationalen Währungsfonds 2200 Mrd. $ verloren. Direkte Folge: Ganz Europa ist von der Rezession betroffen. Das Bruttoinlandsprodukt der OECD-Länder wird 2009 Prognosen zufolge um 4,3 Prozent sinken.
Zugleich haben die Gletscher der Antarktis in nur einem Jahr 103 Milliarden Tonnen Wasser verloren. Infolge der Klimaerwärmung sterben jeden Tag fünf Pflanzenarten aus.
Hier schmilzt Geld, und dort schmilzt Eis. In welchem Zusammenhang stehen die Wirtschaftskrise und die ökologische Krise, die Privathaushalte, Staaten und den ganzen Planeten bedrohen? Beide sind Symptome einer Welt der Verantwortungslosigkeit, in der wir den Kreditfluss unendlich und unsere Ressourcen unerschöpflich wähnten.
Diese Krise betrifft die gesamte Menschheit. Daher kann der Ausweg nur eine Antwort der gesamten Menschheit sein: Wir müssen neue Quellen des Wohlstands finden, die uns ermöglichen, nicht auf unsere Lebensweise und auf unseren Wohlstand verzichten zu müssen, die aber auch die Zukunft unserer Erde nicht gefährden.
Vor 30 Jahren hat der Philosoph Hans Jonas in seinem Werk "Das Prinzip Verantwortung" folgenden Imperativ formuliert: "Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns vereinbar sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Es ist heute an uns Politikern und Bürgern, das Wort Verantwortung zum Leitwort des 21. Jahrhunderts zu machen und die nachhaltige Entwicklung ins Zentrum unserer Wirtschaftspolitik zu stellen. Ich bevorzuge dafür den in Deutschland gut bekannten Begriff Ökowachstum.
Ökowachstum schlägt Kaufkraft und Arbeitsplätze
Dieser Anspruch ist ein Abenteuer, genauso wie die Demokratie das Abenteuer des 18. Jahrhunderts und die europäische Einigung das Abenteuer des 20. Jahrhunderts war. Ökowachstum gewährleistet nicht nur den Erhalt der Biodiversität oder die Reduktion der Treibhausgase, sondern schafft darüber hinaus Kaufkraft, Arbeitsplätze und fördert die Wettbewerbsfähigkeit und die Entwicklung unserer Länder. Das muss die Zielsetzung für das Europa von morgen sein.
Kaufkraft entsteht auch und gerade dann, wenn jeder eine verantwortungsvollere Lebensweise annimmt. Ich wünsche mir, dass 2020 jeder Haushalt seinen Anteil an Sonnenenergie vermarkten kann. Aber schon heute kann jeder Haushalt durch eine bessere Isolierung die Heizkosten senken. Die Regierungen können dabei mit zinsfreien Umweltdarlehen helfen, wie es die französische bereits tut.
Der Vorteil des neuen Wachstumsmodells ist, dass dadurch qualifizierte Arbeitsplätze entstehen, die auch weniger von der Verlagerung in Niedriglohnländer bedroht sind - nicht nur in der grünen Industrie wie der Abfallverwertung oder der Biotechnologie, sondern auch in traditionellen Bereichen. Grün werden, um zu überleben: Das haben jene Teile der Automobilbranche bereits verstanden, die auf das saubere Auto setzen, oder die Bauunternehmen, die hohe Umweltstandards einhalten.
In Frankreich hat ein Umweltgipfel bei Präsident Nicolas Sarkozy umfassende Gesetzespakete auf den Weg gebracht, der alle Politikbereiche - vom Baurecht bis hin zum Schulunterricht - auf eine nachhaltige Entwicklung ausrichtet. Unser Anspruch ist es, damit bis 2020 Arbeitsplätze in einer Größenordnung von 500.000 zu schaffen. Mit den "grünen Arbeitsplätzen" entsteht ein neuer Sektor, so wie einst die Dienstleistungen die Sektoren Landwirtschaft und Industrie ergänzt haben.
  • Aus der FTD vom 14.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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