David Milleker ist Chefvolkswirt von Union Investment.
Beim G20-Gipfel in London konnte man sich lange nicht sicher sein, ob etwas anderes herauskommen würde als Bilder von lächelnden Regierungschefs. Zu lang war die Agenda, zu bekannt die Positionen der beteiligten Regierungen. Zuletzt ist aber zumindest ein neuer Punkt hinzugekommen, der wirklich originell und bedenkenswert ist. Peking fordert eine Änderung im Weltwährungsregime und bringt damit das Thema der globalen Ungleichgewichte wieder auf die Agenda.
In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass die Interventionspolitik auf dem Währungsmarkt und der damit verbundene Aufbau von Devisenreserven gerade in Asien mit dazu beigetragen haben, den US-Immobilienmarkt in den vergangenen acht Jahren aufzublähen.
Mit dem Vorstoß Chinas sind drei wesentliche Fragen verbunden. Erstens, welche makroökonomischen Auswirkungen mit einem solchen Regimewechsel einhergehen würden. Zweitens, wer davon profitiert. Und drittens die Praktikabilität eines solchen Arrangements.
Erinnerungen an 1973
Für den historisch interessierten Ökonomen bietet sich der Rückblick auf die Debatten rund um den Zusammenbruch des Währungsarrangements von Bretton Woods zwischen 1969 und 1973 an. Einer der zentralen Punkte der damals diskutierten "Ökonomie der Weltwährung" ist die Tatsache, dass das Inhaberland dieser Währung nicht nur sich selbst, sondern auch Drittstaaten monetär versorgen muss. Die Nutzer ziehen aus der Weltwährung wiederum den Vorteil, dass sie statt der Gesamtsumme der Wechselkurse aller ihrer Handelspartner nur den des eigenen Landes zur Weltwährung kennen müssen. Sie sparen in erheblichem Umfang Informations- und Transaktionskosten.
Die Krux ist allerdings, dass die Versorgung Dritter mit der eigenen Währung in jedem Fall Rückwirkungen auf Unterkonten der Zahlungsbilanz und schließlich auf Inlandsaggregate hat. Diese Geldversorgung ist etwa dadurch möglich, dass direkt im Ausland Waren und Dienstleistungen gekauft und in der Weltwährung bezahlt werden oder indem das Ausland Kredite bei einer heimischen Bank aufnimmt. In beiden Fällen fließt jedoch das Geld über den Zahlungsbilanzmechanismus letztlich wieder ins Inland zurück, etwa indem ein Ausländer am Ende der Transaktionskette ein inländisches Wertpapier zur Geldaufbewahrung erwirbt.
Die grundlegende Idee
Auf lange Sicht ist das Weltwährungsland aufgrund seiner Sonderrolle entweder mit dem Problem einer ausufernden Geldschöpfung und somit potenzieller Inflationsgefahr konfrontiert oder aber mit beständig steigenden Leistungsbilanzdefiziten. Dieses vom belgischen Ökonomen Robert Triffin Anfang der 60er-Jahre beschriebene Dilemma des Leitwährungslandes stand etwa hinter der Auflösung der Goldbindung des US-Dollar im Jahr 1971, da der weltweite Dollar-Bedarf im Zuge eines steigenden Welthandels nicht mehr von einer weit langsameren Steigerung der Goldproduktion gedeckt werden konnte. Das Problem der Leistungsbilanzdefizite ist in den vergangenen 20 Jahren akut geworden.
Der jüngst gemachte chinesische Vorstoß geht in eine sehr ähnliche Richtung wie der Vorschlag, den Triffin ursprünglich unterbreitet hat und der vom Internationalen Währungsfonds 1969 mit der Schaffung der Sonderziehungsrechte (SZR) aufgegriffen wurde. Die grundlegende Idee war, das Problem von Ungleichgewichten aus der Weltwährungsrolle durch Streuung auf mehrere Länder abzumildern, indem ein Korb aus wichtigen Währungen (heute Dollar, Euro, Yen und Pfund) die Leitrolle übernimmt.