Paul de Grauwe ist Wirtschaftsprofessor an der Universität Leuven.
Das ökonomische Konzept, das sich während der vergangenen Boomjahre entwickelte, fußte auf der Idee der Flexibilität: Wirtschaftlich erfolgreich waren Länder, die beim Warenverkehr und auf dem Arbeitsmarkt Flexibilität zuließen. Es winkte rasches Wachstum, wenn sie zuließen, dass Unternehmen ohne Einschränkung einstellen und entlassen konnten, und wenn Lohnvereinbarungen rasch der aktuellen Konjunkturlage entsprechend nach oben oder unten korrigiert werden konnten.
Ökonomen entwickelten Wachstumsmodelle, die die Notwendigkeit der Flexibilität hervorhoben. Länder mit starren Regulierungen von Arbeitsmarkt und Warenhandel wurden von internationalen Organisationen angeprangert und zu "Strukturreformen" aufgefordert. Ganz fasziniert reagierte die Europäische Kommission auf die Idee der Flexibilität. Sie entwarf die Lissabon-Strategie mit dem Ziel, die EU in eine flexible Volkswirtschaft zu verwandeln.
Großes Vorbild waren die USA. Dank ihrer Flexibilität galt Amerika als Land mit einem höher entwickelten Wirtschaftsmodell. Mittlerweile wird deutlich, dass Flexibilität gar kein Gradmesser für Qualität ist, sondern ein ernstes Handicap. Wir wollen hier analysieren, warum das so ist.
Mit Ausbruch der Finanzkrise ist die Weltwirtschaft immer stärker in die Fänge der Schuldendeflation geraten. Die Dynamik der Schuldendeflation ist bekannt und wurde vor 80 Jahren von Irving Fisher beschrieben. Weisen Haushalte und Unternehmen (dazu zählen auch Banken) übermäßig hohe Schulden auf, müssen sie Vermögenswerte verkaufen. Die Preise für Vermögenswerte fallen, was Liquiditätsprobleme an anderen Stellen des Systems verschärft.
Firmen sind gezwungen, Mitarbeiter zu entlassen und/oder Gehälter zu kürzen. Als Folge sehen sich noch weniger Haushalte imstande, ihre Schulden zu bedienen. In einer Schuldendeflation wird der Schuldendienst der einen also dadurch erschwert, dass andere sich bemühen, ihren Schuldendienst aufrechtzuerhalten.
Ursache des Problems ist der Umstand, dass das Schuldenniveau eine feste nominelle Variable ist. Muss ein Verbraucher eine Hypothek von 400.000 $ abtragen, steht diese Rückzahlungsdrohung unabhängig vom Wert seines Vermögens oder seiner Einkünfte im Raum.
Das Problem bei der Schuldendeflation ist also, dass man eine starre Variable hat (den Wert der Schulden), während so viele andere Faktoren (Vermögenswert, Einkünfte, Arbeitsverhältnis) flexibel sind. Je flexibler diese Variablen, desto teuflischer gestaltet sich die Eigendynamik der Schuldendeflation und desto schwieriger wird es, die Wirtschaft aus dieser Lage herauszumanövrieren.
Daraus ergibt sich, dass die flexibelsten Volkswirtschaften am stärksten darunter leiden werden. In Ländern, wo Unternehmen leicht Arbeitnehmer entlassen oder nach Gusto deren Gehälter zusammenstreichen können, wird die Dynamik der Schuldendeflation eben diese Arbeitnehmer umso stärker in Mitleidenschaft ziehen. Sie werden schneller ihr Haus und andere Vermögensgegenstände verkaufen müssen und werden damit für andere (einschließlich der Banken) zur Insolvenzgefahr.
Eine von Schuldendeflation betroffene Volkswirtschaft braucht etwas, das diesen Kreislauf unterbricht. Was das sein kann? Genau: Starrheit bei Gehältern, Preisen und Arbeitsverträgen fungiert als Unterbrecher. Diese Faktoren verlangsamen die Dynamik der Schuldendeflation und machen einen geordneteren Rückzug möglich. Arbeiter verlieren nicht auf der Stelle ihre Beschäftigung, ihre Löhne werden nicht unverzüglich beschnitten. Das ermöglicht Verschnaufpausen beim Abtragen des Schuldenbergs.
Natürlich schaffen diese Unterbrecher die Dynamik der Schuldendeflation nicht aus der Welt, sie bremsen nur ab. Einen absoluten Unterbrecher gibt es allerdings, der auch imstande wäre, die Dynamik zu stoppen - das Sozialsystem. "Starre" Volkswirtschaften wurden für ihr zu großzügiges Sozialsystem gescholten und dafür, dass sie ihre Arbeitslosen zu lang bezahlen.
Jetzt stellt sich heraus, dass diese absolute Quelle der Starre ein großer Vorteil ist. Arbeitnehmer, die in "starren" Ländern entlassen werden, erhalten höhere Arbeitslosenunterstützungen. Dies kommt dem Konsum zugute und reduziert den Preisverfall. Die Dynamik der Schuldendeflation stößt an ihre Untergrenze.
Angesichts der Tatsache, dass Arbeitslose in starren Ländern besser bezahlt werden, ließe sich argumentieren, dass das Haushaltsdefizit dieser Länder stärker steigen wird als in flexiblen Ländern. Das steht keinesfalls fest. Sicher ist, dass die Regierungen flexibler Länder weniger für Arbeitslosengeld ausgeben werden. Doch ebenso, wie die Schuldendeflation zu einem stärkeren Rückgang der Wirtschaftstätigkeit in diesen Ländern führt, werden die Staatseinnahmen stärker fallen. Folglich könnte das Haushaltsdefizit der flexiblen Länder stärker ansteigen.
Der Gedanke, dass Flexibilität gut und Starrheit schlecht ist, beeinflusst auch weiterhin die Denkweise von Entscheidern und Analysten. Beispielsweise bewerten Ratingagenturen US-amerikanische und britische Schuldtitel weiterhin gut. Grundgedanke hier ist, dass diese Länder sich aufgrund ihrer größeren Flexibilität besser an die Krise anzupassen vermögen, als es starre Länder wie Spanien, Italien und Irland können.
Das Gegenteil ist der Fall. Starre Löhne, Beschäftigung und soziale Sicherheit ermöglichen es Ländern heutzutage, besser mit der enormen Starrheit fertig zu werden, die das feste Schuldenniveau Privathaushalten und Unternehmen auferlegt. Wir sollten für diese Unbeweglichkeit dankbar sein.