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Merken   Drucken   30.11.2008, 13:00 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Phantomdebatte um Nabucco-Pipeline  

Der Bau der Gaspipeline stockt nicht primär wegen Transitfragen, sondern mangels ausreichender Lieferzusagen. Die EU darf ihre Energiestrategie nicht nur als Geopolitik betreiben. Sie sollte sich auf effizientere Projekte konzentrieren. von Oliver Geden und Andreas Goldthau
In ihrer Revision der EU-Energiestrategie von Mitte November räumt die Europäische Kommission einem Projekt höchste Priorität ein: dem sogenannten südlichen Gaskorridor, über den Gas aus der kaspischen Region vorbei an Russland nach Mitteleuropa transportiert werden soll. Dessen zentraler Bestandteil ist die Nabucco-Pipeline, das Vorzeigeprojekt der Energieaußenpolitik der EU. Nabucco soll vor allem durch die South Caucasus-Pipeline (SCP) gespeist werden. Diese Leitung führt von Aserbaidschan über Georgien in die Türkei.
Der russisch-georgische Konflikt im Sommer hat in Europa die Befürchtungen befeuert, dass in der Folge nicht nur die regionale Stabilität, sondern auch die zukünftige Energieversorgungssicherheit der EU massiv bedroht ist. Die am Nabucco-Projekt beteiligten Investoren, Kreditgeber und Versicherer, so die Befürchtung, könnten einen Rückzieher machen, weil die Lage in Georgien zu unsicher erscheint.
Diese Debatte hat jedoch etwas Surreales. Während in Europa über die Routenführung von Pipelines und die Zuverlässigkeit einzelner Transitländer wie Georgien oder der Türkei debattiert wird, spricht kaum jemand über die eigentlich entscheidende Frage: Wo sind ausreichende Mengen an Gas vorhanden, um Nabucco überhaupt wirtschaftlich betreiben zu können?
Dass das eigentliche Problem nicht diskutiert wird, ist exemplarisch für die gemeinsame Energieaußenpolitik der Europäer. Die Energieversorgungssicherheit wird als geopolitisch auszufechtender Kampf um Einflusszonen, um den politischen Zugriff auf Liefer- und Transitregionen, behandelt. Dementsprechend ist zwar häufig von der russischen "Gaswaffe" die Rede, relativ selten aber von den eigentlich entscheidenden Faktoren: Investitionen in die Erschließung neuer Felder und ausreichende Lieferverträge. Fakt ist, dass bislang kaum belastbare Lieferzusagen für Nabucco existieren, weil auf absehbare Zeit in der kaspischen Region nicht genügend Gaskapazitäten verfügbar sind.
Aserbaidschan, einer der wichtigsten Lieferkandidaten für die Pipeline, wird bis Ende des kommenden Jahrzehnts zwar Exportkapazitäten von rund 15 Milliarden Kubikmetern pro Jahr aufbauen können. Beim Transport nach Westen würde davon aber etwa die Hälfte in Transitländern wie der Türkei verbleiben. Mit aserbaidschanischem Gas allein wird sich die auf eine Transportkapazität von 31 Milliarden Kubikmetern ausgelegte Nabucco-Pipeline nicht rechnen.
  • FTD.de, 30.11.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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