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Merken   Drucken   23.04.2009, 19:11 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Phelps - Die vergessene Unsicherheit  

Der Kapitalismus ist längst nicht am Ende: Wie kein anderes System sorgt er für mehr Wissen, höheres Einkommen und größere Zufriedenheit mit der Arbeit. Die Menschen müssen seine Dynamik nur besser verstehen. von Edmund Phelps
Edmund Phelps ist Direktor des Center on Capitalism and Society an der Columbia University, New York. 2006 erhielt er den Nobelpreis für Ökonomie.
In den mehr oder weniger kapitalistischen Ländern scheinen diejenigen, die in diesem System tätig sind oder es überwachen, oft nicht zu verstehen, worin dessen Vorzüge und Gefahren liegen. Die Unkenntnis des Leistungspotenzials hat manche dazu gebracht, das System über Bord zu werfen. Die Unkenntnis der Risiken hat es wahrscheinlicher gemacht, dass unvorsichtig und politisch nachlässig gehandelt wird. Die Rückkehr zu einem gut funktionierenden Kapitalismus wird eine neue Aufklärung und tiefe Reformen erfordern.
Kapitalismus heißt nicht "freier Markt" oder Laisser-faire, ein System von null Staat "plus ein Nachtwächter". Kapitalistische Systeme funktionieren schlechter, wenn es keinen Schutz der Investoren, Kreditgeber und Unternehmen gegen Monopole, Täuschung und Betrug gibt. Es kann ihnen die politische Unterstützung fehlen, und es kann soziale Spannungen geben, wenn Hilfen fehlen, die dazu beitragen, dass Benachteiligte in die offizielle Wirtschaft einbezogen werden. Auch ein riesiges Sozialversicherungssystem mit hohen Steuern, niedrigem Nettoeinkommen und geringem Vermögen muss dem Kapitalismus nicht schaden.
Im Kern sind kapitalistische Systeme ein Mechanismus, mit dem Volkswirtschaften neues Wissen generieren. In diesem Prozess gibt es viele Unsicherheiten, weil das Wissen unvollständig ist. Wachsendes Wissen führt zu steigenden Einkommen und mehr Arbeitszufriedenheit. Unsicherheit macht die Wirtschaft anfällig für plötzliche Umschwünge - Phänomene, die Marx schon 1848 bemerkte.
Schumpeters Kurzschluss
Es dauerte aber lange, bis sie verstanden wurden. Bis weit in das 20. Jahrhundert galt wirtschaftlicher Fortschritt als Ergebnis kommerzieller Innovationen, die durch Entdeckungen von Naturwissenschaftlern ermöglicht wurden. Entdeckungen, die außerhalb der Wirtschaft und aus heiterem Himmel gemacht wurden.
Warum haben dann aber die kapitalistischen Wirtschaften mehr davon profitiert als andere? Joseph Schumpeters frühe Theorie postulierte, dass eine kapitalistische Ökonomie plötzliche Chancen schneller aufgreift und eine höhere Produktivität erreicht, weil es eine kapitalistische Kultur gibt: den Tatendrang fähiger Unternehmer und die Sorgfalt kundiger Banker.
Aber die Vorstellung allwissender Banker und nie irrender Unternehmer ist lachhaft. Die Forschung zeigt, dass der meiste Wissenszuwachs nicht von den Naturwissenschaften getrieben ist. Schumpeter'sche Ökonomie - Adam Smith plus Soziologie - erfasst sehr wenig.
Friedrich Hayek bot in den 30er-Jahren eine andere Erklärung: Jede moderne Ökonomie ist eine große Suppe von Wissen, das auf spezialisierte Akteure verteilt ist. Niemand, nicht einmal eine Behörde, könnte all das Wissen ansammeln, das ein Akteur "vor Ort" unvermeidlich erlangt. Der Staat kann nicht wissen, wo er investieren soll. Nur der Kapitalismus löst dieses "Wissensproblem".
  • Aus der FTD vom 24.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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