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Merken   Drucken   22.06.2008, 19:41 Schriftgröße: AAA

Gastkommentar: Ratings: Volle Urteilskraft voraus  

Im Zuge der Subprime-Krise ist das Geschäftsmodell der Ratingagenturen unter heftigen Beschuss geraten. Dabei ist die Erfolgsbilanz der Ratings ausgezeichnet - weil die Emittenten bezahlen. von Vickie Tillman
Vickie Tillman ist Executive Vice President für Ratings Services bei Standard & Poor's.
Die jüngsten Ereignisse an den Kreditmärkten haben die herausragende Rolle von Ratingagenturen deutlich gemacht und Diskussionen über ihr Geschäftsmodell entfacht. Wir bei Standard & Poor's sind uns im Klaren darüber, dass das Issuer-Pays-Modell, nach dem die Emittenten für die Ratings ihrer Wertpapiere bezahlen, potenzielle Interessenkonflikte in sich birgt. Man darf aber nicht übersehen, wie erfolgreich wir solche potenziellen Konflikte handhaben und schon immer gehandhabt haben.
Standard & Poor's hat in den ersten 50 Jahren seines Bestehens das Investor-Pays-Modell verwendet, nach dem also die Investoren eine Gebühr für den Zugang zu den Ratings bezahlten. In dem damals sehr stabilen Umfeld für festverzinsliche Wertpapiere hat dieses System gut funktioniert. Vor allem große Energiegesellschaften und Banken begaben Anleihen mit Investmentgrade-Rating, gekauft wurden sie meist von Versicherungen und Pensionsfonds.
Ab den 70er-Jahren wurde es jedoch immer unzureichender. Zum einen kam es zu Zahlungsausfällen, wie 1970 bei einem Commercial Paper der Penn Central Transportation Company oder der Stadt New York im Jahre 1975. Kleinere Unternehmen mit geringerer Bonität begannen, großvolumige Schuldpapiere zu begeben, komplexere Wertpapiere wie hypothekenbesicherte Anleihen kamen auf. Die Kapitalmärkte globalisierten sich, Investoren mussten die Kreditqualität von Unternehmen und Ländern weltweit verstehen.
Infolgedessen verlangten Investoren immer mehr und umfassendere Analysen des Kreditrisikos. Sie wollten aber die Kosten nicht tragen, die für eigene Recherchen oder für den Kauf dieser Informationen von Dritten wie Ratinggesellschaften anfielen.
Es war also klar, dass unter diesen Umständen das Investor-Pays-Modell für den Markt nicht mehr taugte. Um die erforderliche Qualität und den erwarteten Umfang an Ratings liefern zu können, griffen wir zu einem Geschäftsmodell, mit dem der rasch steigende Bedarf an Mitarbeitern gedeckt werden konnte, die Research-, Analyse- und Überwachungsfunktionen übernahmen. Dieser Schritt wurde vom Markt positiv aufgenommen und seither von den Nutzern der Ratings unterstützt.
In letzter Zeit wurde vorgeschlagen, dass mit einer Rückkehr zum Investor-Pays-Modell mögliche Interessenkonflikte reduziert werden könnten. Dieser Vorschlag ignoriert jedoch, dass das Investor-Pays-Modell signifikante Nachteile und eigene potenzielle Interessenkonflikte birgt. So setzt das Investor-Pays-Modell den im Markt verfügbaren Informationen enge Grenzen, es verringert damit die Transparenz. Wenn nur eine privilegierte Gruppe von Investoren Zugang zu Ratings hat, schafft das ungleiche Voraussetzungen. Auch haben Investoren oft ein starkes Interesse an höheren oder je nachdem auchniedrigeren Ratings. Als wichtige Abonnenten könnten sie danach trachten, mit ihrer "Kaufkraft" Ratings zu beeinflussen.
Eine weitere Alternative wäre das Taxpayer-Pays-Modell, bei dem Regierungen das Ratinggeschäft übernehmen würden. Regierungen haben jedoch ebenfalls wirtschaftliche und manchmal auch politische Interessen, Ratings zu beeinflussen. Gleichzeitig dürfte in einem bürokratisch geprägten Geschäftsmodell die Innovationsgeschwindigkeit nachlassen, weil entsprechende Anreize fehlen. Die Ratings könnten also kaum mit den schnellen Veränderungen an den Kapitalmärkten Schritt halten.
Marktteilnehmer hingegen schätzen das Issuer-Pays-Modell, weil unsere Ratings einem breiten öffentlichen Markt zur Verfügung stehen, und zwar kostenfrei und in Echtzeit. Der Umfang der Informationen - 500.000 S&P-Ratings - und ihre leichte Zugänglichkeit schaffen eine einheitliche Grundlage für die Risikoanalyse. Das Geschäftsmodell erlaubt es uns außerdem, Analysen zu Themen zu veröffentlichen, die nicht im direkten Zusammenhang mit Ratings stehen und für die wir nicht bezahlt werden. Von dieser Informationsvielfalt profitiert der gesamte Markt.
Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass das Geschäftsmodell unsere Objektivität in keiner Weise beeinträchtigt. Rigorose Geschäftsregeln unterstützen die Unabhängigkeit unserer Ratings. Unsere analytischen und kommerziellen Aktivitäten sind strikt voneinander getrennt. Alle unsere Ratings werden nicht von einzelnen Analysten, sondern immer von Ratingkomitees entschieden. Und die Vergütung der Analysten ist unabhängig von den Gebühren für die Ratings, die ein Analyst betreut.
Wir haben vor Kurzem zusätzliche Schritte angekündigt, um die Unabhängigkeit und Transparenz des Ratingprozesses zu stärken. So wird eine externe Gesellschaft unsere Compliance- und Governance-Standards überprüfen, und wir werden eine vom Ratinggeschäft unabhängige Schiedsstelle einrichten. Sie wird sich um Bedenken von Investoren und anderen Marktteilnehmern zu potenziellen Interessenkonflikten kümmern.
Trotz der jüngsten Performance von Wertpapieren im Zusammenhang mit der Subprime-Krise bleibt die langjährige Erfolgsbilanz unserer Ratings ausgezeichnet. Seit 1978 liegt die durchschnittliche Ausfallrate für strukturierte Wertpapiere mit Investmentgrade-Rating (von "AAA" bis "BBB-") nach fünf Jahren bei etwa einem Prozent und für solche mit Non-Investmentgrade-Rating (von "BB" bis "CC") bei etwa 15 Prozent. Dies ist weitgehend vergleichbar mit den Ergebnissen bei Unternehmensratings. Solch eine Erfolgsbilanz wäre ohne die Mittel aus dem Issuer-Pays-Modell nicht möglich.
  • Aus der FTD vom 23.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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