Sebastian Dullien ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHTW Berlin
Die Wende in der globalen Wirtschaftspolitik hat die deutsche Politik kalt erwischt. Nachdem Ökonomen jahrzehntelang gepredigt hatten, keynesianische Politik sei bestenfalls wirkungslos, wenn nicht schädlich, fordert plötzlich eine Vielzahl der Experten gerade solche schuldenfinanzierten Ausgabenpakete oder Steuersenkungen. Wie sehr dieser Schwenk die politische Klasse verwundert, illustriert die schon fast legendäre Kritik von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück am "krassen Keynesianismus" des britischen Premiers
Gordon Brown .
Tatsächlich spiegelt sich in dieser Aussage viel von dem, was die akademischen Volkswirte in den vergangenen Jahren vor allem in Deutschland gepredigt haben - und das, was viele der heute gängigen akademischen makroökonomischen Modelle zeigen. Danach ist für keynesianische Finanzpolitik eigentlich kein Raum. Warum aber fordern dann nicht nur Politiker in den USA fast unisono Konjunkturprogramme, sondern ebenfalls eine Vielzahl von US-Wissenschaftlern, darunter eine ganze Reihe von Nobelpreisträgern? Die Antwort ist einfach: Weil die gängigen makroökonomischen Modelle - sogenannte DSGE-Modelle (Dynamic Stochastic General Equilibrium) - die Realität nicht vernünftig abbilden.
Wie sehr diese Modelle danebenliegen, musste vor allem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in den vergangenen Monaten böse feststellen. Wie viele Institute stellte das Institut mehrere Wissenschaftler in seiner Konjunkturabteilung ein, die mit DSGE-Modellen arbeiten. Weit stärker als die anderen Institute machten sich die DIW-Ökonomen aber deren Ergebnisse zu eigen. Das dürfte auch dazu beigetragen haben, dass das DIW bei seinen Prognosen zuletzt so spektakulär danebenlag und Institutschef Klaus Zimmermann noch vor wenigen Wochen leugnete, dass Deutschland vor einer schweren Rezession steht. Inzwischen machen sich Prognostiker quer durchs Land über die Vorhersagen aus Berlin lustig.
Blindes Vertrauen in die Modelle
Das DIW mag in seinem blinden Vertrauen in die Modelle allein stehen. Doch auch Notenbanker und Forscher in anderen Instituten sitzen ratlos vor ihren DSGE-Modellen, weil diese die Krise weder kommen sahen noch sie erklären - und somit auch keine sinnvollen Ratschläge an die Politik liefern können.
Das Problem der DSGE-Modelle ist, dass sie ihre Welt auf einigen zentralen Annahmen aufbauen: Einzelne, meist identische Individuen maximieren ihren eigenen Nutzen und jenen ihrer Erben, indem sie mit rationaler Weitsicht ihr Arbeitsangebot und ihren Konsum nicht nur über ihren Lebenshorizont, sondern gleich auch über die Lebenszeit ihrer Nachkommen variieren. Ist der Reallohn in einem Jahr höher als im folgenden, so arbeiten die Modellbürger im laufenden Jahr mehr, um im nächsten mehr Freizeit zu genießen. In diesem Jahr wird daher mehr produziert, im folgenden weniger. Was als Konjunkturschwankung und Arbeitslosigkeit auftaucht, ist in den meisten DSGE-Modellen einfach nur die freiwillige Entscheidung einzelner, im Moment einmal ein bisschen weniger zu arbeiten. Konjunktur wird in diesen Modellen als die Reaktion der Wirtschaft auf Schocks wie Änderungen im Geschmack der Menschen oder neue Technologien wahrgenommen, die außerhalb der Modellwelt liegen.